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Palais: Wiener Palais und ihre Geschichte

Informationen über Wiener Palais und ihre Geschichte, wie Palais Esterhazy, Palais Auersperg, Palais Kinksky, uvm. Ein Palais ist ein unbefestigter Adelswohnsitz in einer Stadt.

Palais

Palais

Palais - Definition und Geschichte

Was versteht man eigentlich unter dem Begriff „Palais“? Nun ein Palais ist ein unbefestigter Adelswohnsitz in einer Stadt. Damit ist einmal die Abgrenzung gegenüber einer Burg gegeben, die immer mehr oder minder befestigt ist und meist auf dem Lande liegt, wenn es natürlich auch Stadtburgen gibt. Als Schlösser werden in erster Linie Herrscher- bzw. Adelswohnsitz in ländlicher Umgebung bezeichnet, doch fällt hier die Abgrenzung schon schwerer, da sich z.B. Schloß Hetzendorf oder Schloß Schönbrunn durchaus in städtischer Umgebung befindet. Allerdings lagen diese Bauten zur Zeit ihrer Entstehung weit außerhalb der Stadtmauern, was aber auch für manche Palais, wie das Augartenpalais oder das Palais Rasumofsky gilt. Immerhin kann man sagen, daß Schlösser meist ländlicher und größer als Palais sind. In Einzelfällen überschneiden sich jedoch die Bezeichnungen, vor allem bei den Gartenpalais. So könnte z. B. das Palais Schwarzenberg oder das Gartenpalais Liechtenstein durchaus auch als Schloß bezeichnet werden.

Während in Rom die Adelspaläste als das, was sie sind, als „palazzi“ bezeichnet werden, nennt man sie in Paris etwas bescheidener „hôtel“ und in London tiefstapelnd einfach „houses“. In Wien wählte man den Mittelweg und bevorzugte die verkleinernde Form „Palais“, was aber durchaus nicht auf die Größe oder die Qualität der Ausstattung schließen lässt.

Eine größere Anzahl von Palästen verschiedener Adelsfamilien in einer Stadt läßt immer auf das Vorhandensein eines Herrschersitzes im gleichen Ort schließen, denn nur dort mußten sich gleichzeitig mehrere Adelige aufhalten, um den Herrschern zur Verfügung zu stehen. Und wo dies der Fall war, gab es das Bedürfnis, die Bedeutung der eigenen Familie durch ein repräsentatives Gebäude zu dokumentieren. So war es auch in Wien, der Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Hier residierten die Habsburger, die über Jahrhunderte hinweg Mitteleuropa dominierten und eine große Anziehungskraft auf die Adelsfamilien Europas ausübten. Hier boten sich die größten Chancen, gesellschaftlich und politisch Karriere zu machen. Erstrebenswert waren auch die zahlreichen hohen Posten in der Verwaltung oder beim Militär, die das Kaiserhaus zu vergeben hatte. Es ist daher kein Wunder, daß hier zahlreiche Paläste von Familien gebaut wurden, die aus allen Teilen der Monarchie (z.B. Esterházy, Lobkowitz, Palffy, Auersperg, Lubomirski), aber auch aus Spanien (Hoyos), Portugal (Silva-Taroucca), Italien (Pallavicini, Collalto, Caprara, Strozzi), Deutschland (Metternich, Württemberg), Frankreich (Prinz Eugen), Rußland (Rasumofsky) und anderen Ländern Europas stammten. Ein guter Teil des österreichischen bzw. böhmischen Adels (Dietrichstein, Liechtenstein, Schwarzenberg, Harrach, Lobkowitz usw) konnte die wirtschaftlichen Grundlagen für seine spätere Bautätigkeit bereits nach der Schlacht am Weißen Berg (1620) gewinnen, als die bis dahin führenden böhmischen Adeligen enteignet und ihr Besitz auf die Parteigänger des Kaisers Ferdinand II aufgeteilt wurde. Die Familien Liechtenstein und Dietrichstein errichteten im Laufe der Zeit jeweils gleich mehrere Paläste in Wien. Bemerkenswert ist der große Anteil an hohen Militärs unter den Bauherren (Prinz Eugen, Mansfeld, Caprara, Daun, Starhemberg). Diese erhielten für ihre Verdienste in den Türkenkriegen vom Kaiser große Summen oder Güter, wodurch sie sich ihre neuen Palais leisten konnten.

Wien ist - wie Rom und Prag – in erster Linie für seine Barockpaläste bekannt. Die große Zeit des österreichischen Barocks begann mit dem Sieg über die Türken 1683 vor Wien und endete fast hundert Jhre später 1780 mit dem Tod der Kaiserin Maria Theresia. Im Mittelalter dominierten in Wien noch Sakralbauten und Bürgerhäuser. Auch die Zeit der Renaissance hat bei uns in dieser Hinsicht nicht allzu viel hinterlassen. Renaissancepaläste galten mit Beginn der Barockzeit als unmodern und wurden entsprechend erneuert oder umgebaut. Außerdem gab es nicht viele Renaissancepaläste in der Stadt, da es gerade in jener Zeit Spannungen zwischen dem Adel und dem Kaiserhaus gab. Viele Adelige zogen es deshalb vor, lieber auf ihren Landsitzen zu leben, als dem Kaiser zu nahe zu kommen. Dennoch gab es im 16. Jh. rund um das Minoritenkloster, im ehemaligen „Herrenviertel“ eine Anzahl von Stadtpalästen, die evangelischen Adeligen (z.B. Roggendorf, Fünfkirchen, Hager, Zinzendorf, Zelking, Strein usw.) gehörten. Während der Gegenreformation mußten aber zahlreiche Familien aus Glaubensgründen das Land verlassen. Außerdem kosteten die zahlreichen Kriege des 17. Jh. viel Substanz. So wurden anlässlich der beiden Türkenbelagerungen alle Palais und Schlösser außerhalb der Stadtmauern vernichtet. Erst mit der Vertreibung der Türken aus Mitteleuropa, die sich an die Zweite Belagerung Wiens anschloß, begannen ruhigere und friedlichere Zeiten. Es setzte ein unvorstellbarer Bauboom ein, der das Stadtbild deutlich veränderte. Dadurch, daß die Mauern und Fortifikationen entlang der Grenze des heutigen Ersten Bezirks nicht verlegt und die Glacis nicht verbaut werden durften, entstand eine beispiellose Konzentration von Repräsentationsbauten auf kleinstem Raum. Für den Bau eines jeden neuen Palais mußten mehrere Bürgerhäuser gekauft und abgerissen werden. So gab es 1730 in Wien noch 930 Bürgerhäuser, aber bereits 248 adelige Paläste und Herrschaftshäuser, also fast ein Viertel des gesamten Baubestandes. Der Mangel an Bauplätzen war so schlimm, daß auch große Kirchenbauten, wie die Karlskirche, außerhalb der Stadtmauern entstehen mußten. Dieser Raummangel beherrschte Wien bis zur Mitte des 19. Jh.

Vorbild für die Wiener Barockpaläste waren ursprünglich jene in Rom. Daher beschäftigte man vorerst vorwiegend italienische Architekten wie Giovanni Pietro Tencala, Domenico Martinelli, Domenico Carlone und Domenico Egidio Rossi. Die bedeutendsten Baumeister des Hochbarocks waren jedoch Johann Fischer von Erlach und Johann Lukas von Hildebrandt. Sie überboten sich jeweils in der Gestaltung der Fassaden sowie möglichst prächtiger Portale und Stiegenhäuser. Die beiden Architekten lieferten sich einen harten Konkurrenzkampf und verdrängten sich gegenseitig. So wurde beim Palais Schwarzenberg Hildebrand von Fischer abgelöst. Beim Stadtpalais des Prinzen Eugen war es umgekehrt. Zu beachten ist jedoch, daß die großen Stararchitekten lediglich die Pläne lieferten und mit der Bauausführung meist nichts mehr zu tun hatten. Diese erfolgte immer durch lokale Baumeister. Dennoch ist die, auch für heutige Verhältnisse, oft sehr kurze Bauzeit bemerkenswert. Zwei Jahre von der Planung bis zur Fertigstellung waren keine Seltenheit. Die Innenausstattung zog sich aber oft noch über Jahre hin, was vor allem daran lag, daß vermögende Bauherren nur die besten Bildhauer und Maler beschäftigen wollten, diese aber oft auf Jahre hinaus ausgelastet waren.

Während man bei den österreichischen Barockschlössern häufig den französischen Vorbildern folgte und sie um einen Ehrenhof herum erbaute, so daß das Hauptgebäude von der Straße abgerückt wurde, war dies bei den Palais nicht der Fall. Die Wiener Palais sind fast durchwegs mit ihrer Schauseite direkt in die Straßenflucht gestellt. Der mehr oder weniger repräsentative Hof, hinter dem sich oft auch ein Wirtschaftshof befand, lag hinter dem Gebäude. Die Zufahrt zu ihm erfolgte durch eine fast immer gewölbte Durchfahrt, von der ein- oder beidseitig repräsentative Treppenläufe zur Beletage aufstiegen. Aus dem bereits erwähnten Platzmangel wurde vorwiegend in die Höhe gebaut. Vier bis fünf Geschoße sind keine Seltenheit. Den Reichtum und die Bedeutung der eigenen Familie konnte man am besten in der Fassadengestaltung zum Ausdruck bringen. Daher wurde hier mit plastischem Schmuck nicht gespart und die Fenster reich dekoriert. Besonderer Wert wurde auf ein aufwendiges Portal gelegt. Es war fast immer von Atlanten, Karyatiden oder Säulen flankiert, die einen breiten Balkon trugen, auf dem sich der Hausherr bei entsprechenden Anlässen zeigen konnte. Auch die Prunkstiege war ein entsprechendes Statussymbol. Sie bot ihm die Möglichkeit, seinen Gästen bei der Begrüßung – je nach ihrer Bedeutung – mehr oder weniger weit entgegenzukommen. Die Paraderäume der Beletage befanden sich meist im ersten Hauptgeschoß. Die engen Gassen der Wiener Innenstadt zwangen aber die Architekten gelegentlich – um einen entsprechenden Lichteinfall zu ermöglichen – dieses Hauptgeschoß relativ hoch anzusetzen. Dies wurde erreicht, indem man ein oder zwei Mezzaningeschoße daruntersetzte. In den oberen Stockwerken befanden sich Wohn- und Gästeräume. Die Dienerquartiere waren meist im Souterrain oder in den Seitenflügeln untergebracht. Dies galt auch für Stallungen und Remisen. Was die Einrichtung betrifft, so wechselte diese häufig. Da der Adel meist nicht das ganze Jahr in Wien verbrachte, sondern dem Sommer über auf seinen Landsitzen lebte und im Herbst die Jagdschlösser frequentierte, wurden kostbare Möbel und Bilder oft zwischen den einzelnen Besitzungen ausgetauscht.

Nach 1683 lagen die Vorstädte in Trümmer, die Weingärten waren verwüstet, die Bewohner durch Tod oder Verschleppung stark dezimiert. Die Grundstücke waren daher sehr billig. Viele Adelsfamilien nutzten dies und erwarben große Flächen, die sie in Gärten umwandelten. Es begann die Blütezeit der Gartenpalais. Vor den Toren der Stadt entstand eine solche Fülle von Gartenpalästen, daß Wien innerhalb weniger Jahrzehnte zur größten barocken Gartenstadt Europas emporstieg. Damals gehörte es in adeligen Kreisen zum guten Ton, in Wien ein Stadtpalais und in den Vororten ein Gartenpalais zu besitzen. So gehörte z. B. Prinz Eugen das Stadtpalais in der Himmelpfortgasse und das Belvedere. Die Grafen Schönborn hatten ihr Palais in der Renngasse und das Gartenpalais in der Laudongasse. Versailles wurde zum Vorbild der Gartenkunst Wiens. Schloß bzw. Palais und Garten galten als ein Gesamtkunstwerk. Der Garten wurde als Erweiterung des Palais betrachtet und als Repräsentationsraum für Theater, Musikdarbietungen, Feste und Feuerwerke genutzt. Ein Barockgarten zeichnet sich durch die geometrische Strenge des um eine Mittelachse gruppierten Wegesystems aus. Er stellt die von Menschenhand gebändigte Natur dar. In ihm wird nichts dem freien Wuchs überlassen. Bäume und Hecken sind exakt geschnitten. Nahe am Palais liegen die Parterres mit ihren reichen Blumen- und Buchsbaumornamenten. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich in den Wiener Barockgärten die Belvederes, die als Blickfang auf der höchsten Erhebung des Gartens errichtet wurden (z. B. Oberes Belvedere, Liechtenstein, Schönburg). Ein wichtiges Gestaltungselement eines Barockgartens ist das Wasser in Form von Springbrunnen, Kaskaden und Wasserspielen.

Das Gartenpalais unterscheidet sich vom Stadtpalast durch eine intimere, heiterere und weniger zeremonielle Gestaltung. Die Schauseiten dieser Palais sind häufig der Stadt bzw. dem kaiserlichen Hof zugewandt. Wichtigster Bauteil ist der große, oft überkuppelte, ovale oder runde Festsaal, der für die hier veranstalteten Bälle unentbehrlich war. Den harmonischen Übergang vom Palais zum Garten bildete die Sala terrena, die oft grottenartig gestaltet ist. Aus den Stichen von Salomon Kleiner sind uns eine reihe von prächtigen barocken Gartenpalais bekannt, von denen sich nichts erhalten hat, wie das Palais Hockge, das Palais Ekard oder die Palais Althan und Harrach. Im Gegensatz zu den kaiserlichen Schlössern Schönbrunn und Belvedere haben sich bei den noch existierenden Gartenpalais des Adels keine Barockgärten erhalten. Entweder sie sind überhaupt verschwunden (z. B. Trautson) oder sie wurden zu Landschaftsgärten umgestaltet (Schwarzenberg, Liechtenstein) bzw. sie sind nur in verstümmelter Form erhalten geblieben (Rasumofsky, Schönborn). Der Grund für ihr Verschwinden liegt darin, daß die Gartenpalais ja unweit der Stadt erbaut wurden um leicht erreichbar zu sein. Viele wurden unmittelbar am vor den Basteien liegenden Glacis, also in nächster Nähe der Stadtmauern angelegt. Diese Adressen zählten in der zweiten Hälfte des 19. Jh., als die rasch wachsende Stadt viel neuen Wohnraum benötigte, zu den teuersten Baugründen, so daß die Gärten nur zu gerne einer ertragreichen engeren Verbauung geopfert wurden.

Mit dem Wiener Kongreß begann eine neuerliche Blütezeit der Wiener Palais. Da damals die High-Society Europas in Wien versammelt war und jeder jeden einzuladen hatte, mußten die alten Paläste modernisiert werden, um nicht ins Gerede zu kommen. Diese Modernisierung bezog sich je nach finanzieller Lage und Geschmack manchmal auf das gesamte Gebäude (Modena), oft aber nur auf die Innenräume (Schönburg, Caprara) und gelegentlich nur auf die den Besuchern zugänglichen Repräsentationsräume. Es entstanden aber auch einige neue Palais (Rasumofsky, Pálffy-Wallnerstraße). Modern war damals gerade der Empirestil bzw. der Klassizismus. Da dessen kühle Eleganz nicht gerade der österreichischen Mentalität entspricht, hielt sich die Anzahl der Neubauten jedoch in Grenzen. Die für den Palaisbau bekanntesten Architekten jener Zeit waren Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg, Louis von Montoyer und Alois Pichl. Da nach wie vor die alten Stadtmauern bestanden und die Raumnot der Barockzeit unverändert war, wich man mehr und mehr auf die Vorstädte aus. Für Neubauten waren vor allem die heutigen Bezirke Landstraße und Wieden beliebt.

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war für die alten Wiener Palais keine gute Zeit. Das Revolutionsjahr 1848 brachte eine drastische Veränderung der gesellschaftlichen Situation und die Beendigung der Vorherrschaft des Adels mit sich. Die Verlagerung des wirtschaftlichen Schwerpunktes zum Bürgertum schlug sich auch in der Anzahl der alten Barockpalais nieder. Immer mehr davon wurden abgerissen, um Platz für Mietobjekte und Banken zu machen. Diese Entwicklung wurde auch durch die Aufhebung der Grundherrlichkeit des Adels gefördert, da sich dieser durch die sinkenden Erträge seiner Landgüter die Stadtpalais oft nicht mehr leisten konnte oder wollte. Eine ständige Anwesenheit bei Hof war durch die besseren Verkehrsverhältnisse meist nicht mehr erforderlich, so daß man sich wieder mehr auf seine Güter zurückziehen konnte, die ohnehin häufig unter der Abwesenheit des Gutsherrn zu leiden hatten. Zu den damals demolierten größeren Palästen zählen u. a. die Stadtpalais Schwarzenberg, Lubomirski und Liechtenstein. Letzteres befand sich in der Herrengasse an der Stelle des heutigen „Hochhauses“.

Dennoch entstanden zahlreiche neue Paläste, die sog. Ringstraßenpalais. 1857 gab Kaiser Franz Josef den Auftrag, die inneren Befestigungen mit der alten Stadtmauer zu schleifen und an ihrer Stelle eine von Parks und Repräsentationsbauten flankierte Prachtstraße anzulegen. Diese „Ringstraße“ ist über 10 km lang und etwa 57 m breit. Während der Bereich zwischen Babenbergerstraße und Schottenring vorwiegend öffentlichen Bauten vorbehalten war, war jener zwischen Wollzeile und Babenbergerstraße vorwiegend als gehobenes Wohnviertel konzipiert. Hier entstanden auch die ersten Bauten, während Parlament, Rathaus, Universität und Burgtheater erst 15 Jahre später folgten. Die Ringstraßenpalais wurden zwar nicht immer direkt an der Ringstraße errichtet, da diese ja vorwiegend öffentlichen Bauten und Parks vorbehalten war, tragen aber ihren Namen, weil sie in der Zeit entstanden, als die Ringstraße angelegt und verbaut wurde. Als Bauherr kam vorwiegend das nobilitierte – meist jüdische – Großbürgertum in Frage. Der Hochadel war nur mit einigen wenigen Bauten vertreten. Immerhin traten erstmals Mitglieder des Kaiserhauses als Bauherrn von Wiener Palais auf (Erzherzog Ludwig Victor, Erzherzog Wilhelm). Von den 55 Privatbauten, die in den 60er Jahren zwischen Babenbergerstraße und Wollzeile entstanden, gehörten zwei Mitglieder des Kaiserhauses, zwei Fürsten, fünf sonstigen Aristokraten, acht Bürgerlichen, aber 38 Bankiers, Großhändlern und Industriellen.

Als Architekten waren Heinrich Ferstel und Theophil Hansen am bedeutendsten. Am fleißigsten war aber das Architektenteam Johann Romano und August Schwendenwein, von dem mehr als zehn Palaisbauten erhalten sind. Die Ringstraßenpalais waren im Stilgemisch des Historismus, d. h. häufig im Neo-Renaissance- oder im Neo-Barockstil gehalten. Das moderne Palais des 19. Jh. ist eine Mischung aus adeligem Barockpalais, gehobenem bürgerlichen Mietshaus und Büro- bzw. Geschäftshaus. Zwar stand auch hier das Repräsentationsbedürfnis des Bauherrn im Vordergrund, doch wurden die neuen Palais meist nur mehr von den adeligen Eigentümern und ihren Familien allein bewohnt (Erzh. Wilhelm, Erzh. Ludwig Victor, Graf Larisch-Mönnich). Die erst kurz zuvor nobilitierten Bauherren der Gründerzeit kamen vorwiegend aus der Finanzwelt und legten daher größeren Wert darauf, daß sich ihre beträchtlichen Bauaufwendungen auch rentierten. Es entstanden die sog. Zinspalais (z.B. Todesco, Ephrussi ). Die Hausherren bewohnten meist nur mehr die Beletage und nutzten vielleicht ein zusätzliches Geschoß für Büros und Nebenräume. Die auch im Barock übliche repräsentative Treppe erschloß aber nur mehr diesen Teil des Hauses. Die in den oberen Stockwerken bzw. im Hintertrakt untergebrachten mehr oder weniger luxuriösen Mietwohnungen waren über eigene, wesentlich einfachere Stiegenhäuser zu erreichen. Ein deutlicher Unterschied zur Barockzeit lag darin, daß die Bauherrenfamilie nunmehr gemeinsame Schlafzimmer bevorzuge, während in den Barockpalais die Dame und der Herr des Hauses über getrennte Raumfolgen verfügten. Ein weiterer Unterschied zu den alten Palästen ist auch heute noch von außen zu erkennen. Um den Ertrag zu maximieren wurde nunmehr häufig die Straßenfront des Erdgeschoßes Einzelhändlern zur Verfügung gestellt. Wie bei den Barockpalästen wurde bei den Repräsentationsräumen nicht gespart, denn hier konnte der eigene gesellschaftliche Aufstieg am besten präsentiert werden. Die Gattinnen der Hausherren pflegten in ihren Salons die Kultur- und Politprominenz der Stadt zu empfangen. Die oft mit Schnitzereien, Gemälden und Möbel überladene Innendekoration hat sich nur in seltenen Fällen erhalten, da der Historismus bereits nach wenigen Jahrzehnten weitgehend abgelehnt wurde.

Mit dem Ersten Weltkrieg war die Zeit der Adelspaläste vorbei. Von nun an ging es nur mehr bergab. Bereits in der Zwischenkriegszeit häuften sich die Zerstörungen von Palais, doch war es naturgemäß der Zweite Weltkrieg, der die schwersten Substanzverluste brachte. Vernichtet wurden damals u. a. Die Palais Pauline Metternich, Lanckoronsky, Erzherzog Rainer sowie zwei Rothschild Palais. Schwer beschädigt wurden fast alle wichtigen Objekte. Der unmittelbaren Nachkriegszeit, als man größere Sorgen, als den Wiederaufbau von Adelsresidenzen hatte, fielen weitere Bauten zum Opfer, die durchaus noch zu retten gewesen wären, wie die Palais Miller-Aichholz und Wittgenstein. Das Buch „Verlorenes Wien“ von Edgar Haider bespricht nahezu 50 bedeutende Adelspalais, die in den vergangenen drei Jahrhunderten abgerissen wurden. Erst in den 60er-Jahren des 20. Jh. besann man sich wieder seines kulturellen Erbes und begann die noch vorhandene Bausubstanz sorgsam zu restaurieren. Was heute trotz der Bausünden der Vergangenheit noch vorhanden ist, ist zwar nur mehr ein bescheidener Rest der einstigen Pracht, doch reicht er aus, um Wien neben Rom, Paris und Prag zu jenen Städten zählen zu können, die den Glanz vergangener Jahrhunderte am besten bewahrt haben. Die heute noch vorhandenen Palais sind zum größten Teil in gutem Zustand, wenn es auch noch vereinzelt Problemfälle, wie das Palais Schönburg oder das Palais Erzherzog Carl Ludwig gibt, die einer Lösung harren.

Da die Wiener Palais über Jahrhunderte hinweg bewohnt waren, wurden ihre Inneneinrichtungen im Laufe der Jahre meist mehrmals dem jeweiligen Zeitgeschmack angepaßt. Es gibt daher kein Gebäude, dessen ursprüngliches Interieur komplett erhalten ist. Große Lücken haben auch die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges gerissen. Dies ist aus kunsthistorischer Sicht natürlich zu bedauern. Anderseits wären heute komplett möblierte Barockpaläste zwar wunderschöne Museen, könnten aber kaum wirtschaftlich genutzt werden, da sie sich für die heutigen Bedürfnisse nicht eignen würden. Immerhin hat sich in Wien genug erhalten, um uns die adelige Wohnkultur von der Barockzeit bis ins 20. Jahrhundert vor Augen zu führen.

Die Besitzverhältnisse der Wiener Palais haben sich seit dem Zweiten Weltkrieg stark verändert. So haben sich die ehemaligen adeligen Eigentümer von ihren zwar prestigeträchtigen, aber auch sehr aufwendigen Häusern weitgehend zurückgezogen. Verkauft wurden in dieser Zeit z. B. die Palais Auersperg, Harrach, Kinsky, Schönburg und Esterházy (Wallnerstraße). In den letzten Jahren gingen mehr und mehr Palais in den Besitz von Immobiliengesellschaften über, die versuchen, die noblen Adressen gewinnbringend zu vermieten. So besitzt allein die ÖRAG die Palais Harrach, Esterházy (Wallnerstraße) und Kinsky. Den Namen ihrer gegenwärtigen Besitzer tragen nur mehr die Palais Liechtenstein, Schwarzenberg, Pallavicini, Schönborn (Renngasse) und Esterházy (Kärntnerstraße). Größter Palais-Besitzer Wiens ist natürlich die Republik Österreich. Die Bauwerke dienen oft verschiedenen Ämtern (Dietrichstein, Rottal, Porcia). Ministerien sind in den Palais Modena (Inneres), Prinz Eugen (Finanz), Questenberg (Finanz), Starhemberg (Unterricht) und Trautson (Justiz) untergebracht. Zu Museen wurden die Palais Lobkowitz, Schönborn, Obizzi, Nákó und Erzh. Albrecht. Sonstigen kulturellen Zwecken dienen die Palais Pálffy (Josefsplatz), Clam-Gallas und Sternberg. Auch bei ausländischen Botschaften sind unsere Wiener Palais sehr beliebt, so z.B. die Palais Metternich (Italien), Falkenstein (Griechenland), Rothschild (Brasilien), Cumberland (Tschechien) und Larisch-Moennich (Irak). Die Palais Schwarzenberg, Württemberg (Imperial), Leitenberger und Henckel-Donnersmarck (Radisson SAS) sind heute gepflegte Hotels. Banken haben die Palais Batthyány (Constantia), Herberstein (RZB), Montenuovo (Österr. Kontrollbank) und Collalto (Bank Austria) übernommen.

Viele Wiener Palais können heute nur von außen besichtigt werden, da ihr gegenwärtiger Verwendungszweck einen größeren Publikumsverkehr nicht zuläßt. Allerdings ist es häufig möglich, einen Blick in das Vestibül bzw. das Stiegenhaus zu werfen. Dies sind auch jene Innenräume, die im Laufe der Zeit am wenigsten verändert wurden. Während der Touristensaison werden in den Festsälen mancher Häuser sog. Palaiskonzerte veranstaltet, so daß in diesen Fällen auch Teile des Inneren, wie der Festsaal, zugänglich sind. Jene Gebäude, die als Museen oder Hotels genutzt werden, stehen den interessierten Touristen natürlich weitgehend offen. Ein Geheimtip ist der 26. Oktober, der österreichische Nationalfeiertag. An diesem Tag sind viele Regierungsgebäude, zu denen Besucher normalerweise keinen Zutritt haben, geöffnet (z. B. Winterpalais des Prinzen Eugen, Pal. Starhemberg, Teile der Hofburg). Außerdem ist am Nationalfeiertag bei den meisten Bundesmuseen der Eintritt frei.

Die Bezeichnung der Palais ist nicht einheitlich. Meist erfolgt sie nach dem Bauherrn, oft aber auch nach dem letzten adeligen Besitzer oder jener Familie, die mit dem Gebäude am längsten verbunden war. Da manche Adelsgeschlechter in Wien mehrere Objekte besaßen, sind auch Doppelnamen (z.B. Erdödy-Fürstenberg oder Strattmann-Windischgraetz) üblich. Einige Palais haben im Laufe ihrer Geschichte mehrmals ihren Namen gewechselt. In dieser Arbeit werden jene Bezeichnungen verwendet, die in Wien am gebräuchlichsten sind. Da es mehrere Palais mit den gleichen Namen gibt (z.B. Esterházy, Pálffy, Liechtenstein, Schönborn) sollte, um eine exakte Zuordnung zu ermöglichen, immer auch auf die Adresse geachtet werden. Nicht aufgenommen in diese Arbeit über Wiener Palais wurden reine Kapitalanlagen, die zwar ebenso prächtig ausgestattet waren aber von ihren Besitzern nie bewohnt wurden, wie z. B. das Palais Ferstel oder das Palais Equitable. Sie dienten von Beginn an Banken oder Versicherungen als Domizil und sind nichts anderes als luxuriöse Bürohäuser.

 

Text + Bild: www.burgen-austria.com

 

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