Fiaker-Verbot: 300 Jahre alte Kultur vor dem Aus?

Fiaker mit Gästen fährt durch Wiener Hofburg
© pixabay/domeckopol | Bald nur mehr im Grünen? Ob das Touristen sehen wollen?

Die Fiaker-Pferdekutschen gehören zum Wiener Stadtbild wie der Stephansdom oder Schönbrunn. An beiden Orten gibt es auch seit jeher Fiaker-Standplätze. In der Innenstadt wird heftig über ihren Verbleib diskutiert. Das Ende einer Kultur? Ein Pro & Contra.

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Fiaker-Verbot in Wien: Debatte neuerlich entbrannt

Mit der warmen Jahreszeit starten in Wien auch immer aufs Neue die Debatten um die Fiaker-Pferdekutschen. Bereits seit 2016 bekommen die Tiere ab einer Temperatur von 35 Grad hitzefrei, künftig womöglich sogar bereits ab 30 Grad. Stadt und Bund schieben indessen einander die Zuständigkeiten in der Umsetzungsverantwortung zu.

"Wir als Stadt sind nicht für das Tierschutzgesetz zuständig – dieses Gesetz obliegt dem Bund, wo man diese Temperaturgrenze in Hinblick auf das Tierwohl festlegen könnte. Würde man die Temperaturgrenze für den Beruf des Kutschers herabsetzen, würde man sich mit Sicherheit Diskussionen in anderen Berufsfeldern aufmachen", lautet etwa ein Kommentar zur Debatte aus dem Büro von Tierschutzstadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ).

Für Juni sind nun Gespräche zwischen Stadt und Bund angesetzt, in denen man sich gemeinsam mit den Fiakern über die jeweiligen Positionen austauschen wolle.

VfGH sieht Stadt in Verantwortung

Der Verfassungsgerichtshof hat sich nun in einer Stellungnahme zur Debatte geäußert und sieht die Handlungskompetenz eindeutig bei der Stadt: 

"In diesem Fall geht es nämlich nicht um die bloße Haltung von Pferden (dafür wäre der Bund im Rahmen seiner Tierschutzkompetenz zuständig), sondern um eine bestimmte Art des Einsatzes von Pferden, nämlich für die Beförderung von Personen mit Fahrzeugen, die durch die Kraft von Tieren bewegt werden. Für diese Angelegenheit sind die Länder zuständig",

heißt es in der schriftlichen Stellungnahme.

Bundes-Sozialminister Johannes Rauch (Grüne) geht nicht nur die aktuelle Temperatur-Regelung, sondern die Debatte im Allgemeinen im Sinne des Tierwohls nicht weit genug:

"Zunächst stellt sich die Frage abseits von Hitze, ob der Einsatz von Fiakern in einer Großstadt überhaupt noch zeitgemäß ist. Ich halte das ein bisschen aus der Zeit gefallen", so der "Tierschutzminister" gegenüber "Wien heute". "Man sollte sich Gedanken darüber machen, nämlich wirklich aus Gründen des Tierschutzes, ob man ein Pferd diesem Stress aussetzen sollte."

Entsprechend würde Rauch seitens der Politik Überlegungen dazu begrüßen, ob Wien auf Fiaker insgesamt verzichten könnte.

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Fiaker entschieden gegen neue Regelungen

Die Betreiberinnen und Betreiber der insgesamt 19 Wiener Fiaker-Unternehmen äußern weiter Unverständnis über die politischen Diskussionen. Fiaker-Sprecherin Ursula Chytracek und Tierärztin Isabella Copar, die für zwei Fiakerbetriebe arbeitet, fordern einen runden Tisch und sehen für eine 30-Grad-Regulierung keinerlei Notwendigkeit.

Im Zuge eine Studie der Wiener Vetmeduni wurden demnach annähernd 400 Messungen an Fiaker-Pferden vorgenommen – das Resultat: "Hitzestress in Form einer Überforderung des thermoregulatorischen Systems im Pferd wurde in keiner der Messungen festgestellt". 

Fiaker: Verbannt an den Stadtrand?

Bereits in der Vergangenheit hat es im Zuge der Fiaker-Debatte unterschiedliche Ansätze, Initiativen und Lösungsvorschläge gegeben.

In einem der wichtigsten Filme über Wien, "Der dritte Mann", sieht man in der Abblende einen Wiener Fiakerwagen an der Kamera vorbeifahren. Die Szene spielt am zweitwichtigsten Wiener Wahrzeichen, dem Zentralfriedhof, und genau dorthin sollten die Wiener Fiaker zukünftig ihre Runden drehen, wie etwa eine Initiative für das "Ende der Tierquälerei" einst forderte.

Auch Markus Figl, Bezirksvorsteher Innere Stadt (ÖVP), wünschte sich bereits vor Jahren, dass Fiaker in anderen Gebieten der Stadt eingesetzt werden: "Etwa dort, wo es mehr Grünraum gibt."

Dem wiederum widersprach zum damaligen Zeitpunkt der Obmann der für das Fiakergewerbe zuständigen WKW-Fachgruppe "Beförderungsgewerbe mit Personenkraftwagen", Gökhan Keskin:

"Die Fiaker prägen seit mehr als 300 Jahren das Wiener Stadtbild. Die meisten Sehenswürdigkeiten, die von Wien-Besuchern von der Kutsche aus bewundert werden, sind nun mal innerhalb des Rings zu finden – eine Verbannung aus der Innenstadt ist darum abzulehnen."

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Gesetze zum Schutz der Pferde

Aber die Fiaker sind nicht nur ein wichtiges Traditions- und Kulturgut für die österreichische Hauptstadt, sondern werden sowohl von Wienerinnen und Wienern wie Touristen geliebt und verehrt. Außerdem unterliegen sie strengen Gesetzen, die die Pferde auch schützen. So darf, wie bereits erwähnt, ein Fiakerpferd bei Außentemperaturen über 35 Grad nicht mehr fahren, nicht länger als 18 Tage im Monat arbeiten, muss pro Woche an zwei nicht aneinander folgenden Tagen frei und im Jahr fünf Wochen Urlaub haben. Wohlgemerkt ist die Rede hier von den Tieren und nicht von ihren Herren und Kutschern, denn Letztere müssen jahraus, jahrein ihre Pferde im Stall pflegen, 24 Stunden, 365 Tage im Jahr bei Wind und Wetter.

Was kosten die Fiaker die Stadt?

Abgesehen von den Vorwürfen der Tierschützer gibt es übrigens auch handfeste finanzielle Probleme, die die Fiaker der Stadtverwaltung verursachen. Nach der Einführung der sogenannten Pooh-Bags oder Pferdewindeln geht es nun auch um die finanzielle Belastung der Fiaker für das Bezirksbudget.

Die Eisen-Hufe der Fiakerpferde würden jährlich 750.000 Euro Schaden verursachen. 300.000 Euro muss der Bezirk selbst bezahlen. Anrainer und Bewohnerinnen des Ersten Bezirks beklagen sich darüber hinaus über die Lärm- und Geruchsbelästigung. Außerdem sind 58 Stellplätze in der Innenstadt vielleicht doch zu viel?

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