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Sehenswürdigkeiten Text: Indira Holzer

Der Friedhof der Namenlosen

Kennen Sie den Friedhof der Namenlosen? Ein mystischer Ort an dem Unbekannte ihre letzte Ruhestätte fanden. Direkt am Alberner Hafen liegt der Südfriedhof, mit all seinen Geistern, der wunderschönen Kapelle und dem Vorhaben: Die namenlosen Toten, die die Donau einst freigab, nie in Vergessenheit geraten zu lassen.

Mystischer Friedhof, schwarze Kreuez an einem düsteren Herbsttag
© Josef Fuchs | Der Friedhof der Namenlosen, ein mystischer Ort.

Der Waldfriedhof im Süden Wiens wäre nicht möglich ohne die dutzenden Ehrenamtlichen, die sich über die Zeit schon engagiert haben und das Gelände gemeinschaftlich am Laufen halten. Denn wer namenlos ist, ist auch familienlos. Für ein Begräbnis gibt es keine direkten Verantwortlichen. Gott sei Dank kümmert sich die Familie Fuchs schon seit fast hundert Jahren um die Organisation rund um den Friedhof der Namenlosen.

Spuk und Geister am Friedhof der Namenlosen

Friedhöfe sind von einer mystischen Aura umgeben und sensible Menschen haben ein gespenstisches Gefühl, wenn sie den Ruhestätten der Toten nahe sind. Mitglieder des Vereins der Vienna Gosthunters behaupten sogar, dass sie als Geisterjäger in der Lage sind, dort die Seelen der Verstorbenen aufzuspüren.

"Der ganze Friedhof ist hoch frequentiert von Geistern“, sagt Wilhelm Gabler, Gründer des Vereins der Geiterjäger.

Konnte damals keine Gewaltanwendung oder die Identität des Toten festgestellt werden, wurde der Leichnam zur Beerdigung freigegeben, eingesargt und spätestens einen Tag darauf begraben. Einige Opfer konnten identifiziert werden und wurden auf Ersuchen der Angehörigen auf diesem Friedhof bestattet oder auf die verschiedenen Ortsfriedhöfe wie den Zentralfriedhof überführt. Je unbekannter die Geschichten der Toten sind, desto mehr wird heute um ihre Identität, Herkunft und den weiteren Weg der Seele oder des Geists spekuliert. Nicht nur Geisterjäger, sondern auch Autoren, Filmemacher und Musiker beschäftigen sich mit dem gruseligen Friedhof im Süden Wiens.

Je mehr Wasser die Donau hinunterrinnt, desto mehr Geschichten ranken sich um den Friedhof der Namenlosen. Es ist wohl die Freiheit der Kunst, Reales und Fiktionales zu mischen und Halbwahrheiten zu erzählen, die nur in den Köpfen der Zuschauer zur Wirklicheit werden. Ob es am Friedhof der Namenlosen spukt oder nicht, bleibt schließlich Ansichtssache. Am Wiener Donaufriedhof hört der eine vielleicht einen Geist sprechen, der andere einen Vogel zwitschern.

Wenn die Donau ihre Toten freigibt

Warum heißt er „Friedhof der Namenlosen“? Am Alberner Hafen fanden Menschen ihre letzte Ruhe, die im Zeitraum von 1840 bis 1940 im Hafenbereich der Donau angeschwemmt wurden. Die Identität und Todesursache waren meist unbekannt. Alle diese Verstorbenen bekamen dort eine Grabstelle, wie es für die österreichische Gesellschaft üblich war: mit Grabstein, Gedenkaufschrift und gelegentlich auch Blumen.

Um das Jahr 1700 befand sich an der Stelle des heutigen Hafengeländes ein kleines, auf Pfählen gebautes Fischerdorf. Die Toten wurden dann von den Fischern oft mühsam aus der Donau geborgen und mit einem schlichten Holzkreuz direkt an der Fundstelle begraben. Ab 1840 konnte man bereits von einem kleinen Friedhof sprechen. Dieser wurde von der Fischer- und Jägergemeinschaft in Zusammenarbeit mit benachbarten Tischlern und Amtsärtzten gemeinsam geführt. Im Wald lebende Wildtiere und Naturgewalten suchten den Friedhof immer wieder heim und verwüsteten das Gebiet. Der Friedhof wurde schließlich um etwa 60 Meter weiter weg vom Ufer verlegt, weshalb das Gebiet heute in zwei Teile gegliedet ist. Kaiser Joseph II ließ in seiner Regierungszeit einen Schutzdamm bauen. Ein paar Jahrzehnte später kam noch die Kapelle hinzu.

Auch Selbstmörder fanden am Friedhof der Namenlosen ihre letzte Ruhestätte. Vor allem in der Zwischenkriegszeit kam es vermehrt vor, dass Menschen aus Kummer und Verzweiflung den Freitod wählten. Wo diesen kein ehrwürdiger Platz auf den konfessionellen Friedhöfen gestattet wurde, fanden diese hier am Südfriedhof ihre letzte Ruhe.

Das Grab des Sepperl

Was den Friedhof der Namenlosen von einem gewöhnlichen Friedhof unterschiedet: Den Hauptteil der Kosten übernahmen die Arbeitsfreiwilligen selbst. Sie arbeiteten täglich um eine Viertelstunde länger als die reguläre Arbeitszeit, um die Kapelle langsam aber doch fertig zu stellen. In einer Restaurierungsphase wurden die Holzkreuze am neuen Friedhofsgelände durch Gusskreuze ersetzt. Im Jahre 1932 übernahm Hr. Josef Fuchs die Leitung. Die nachkommenden Fuchs-Familienmitglieder zünden auch heute noch jeden Tag eine Kerze am Altar an. Manche weiteren Besucher kümmern sich liebevoll um das ein oder andere Grab. Besonders beliebt ist der Sepperl, eine Kinderleiche mit schauerlichem Schicksal. Der kleine Junge wurde in einem Schuhkarton am Ufer der Donau gefunden. Sein Grabstein ist am prunkvollsten verziert.

Das Grab des Sepperl
© Robert Kunov | Das Grab des Sepperl am Friedhof der Namenlosen

Anfahrt und Öffnungszeiten des Friedhofs

Der Friedhof ist das ganze Jahr hindurch immer zugängig. Nach Terminvereinbarung können auch die Kapelle und die Totenkammer besichtigt werden. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln kommt man bis zur Haltestelle „Albern“, von dort sind es noch etwa 15 Minuten zu Fuß bis zur Auferstehungskapelle, dem Zentrum des neuen Friedhofsteils.

Kontakt
Josef Fuchs
+43660 6003023
josef_fuchs(at)gmx.at

Öffnunsgzeiten
Friedhof immer zugängig.
Kapelle und Totenkammer auf Terminvereinbarung

Über das Jahr hinweg gibt es mehrere Gedenkfeiern, die am Friedhof der Namenlosen Tradition haben: Jeden 1. Sonntag im Monat findet um 15:30 Uhr eine heilige Messe in der Auferstehungskapelle statt. Priester Silvio Crosina spendet seine tröstenden Worte beim Gedenken an die „Opfer der Donau“.

Jeden 1. Sonntag nach Allerheiligen gibt es eine Kranzlegung. Die Fischer des Fischereivereins Albern bauen alljährlich ein Floß und schmücken es mit Kränzen, zahlreichen Blumen und brennenden Kerzen. Das fertige Floß erinnert an den reich verzierten Grabstein für einen Riesen. Mit Gesängen in Deutsch, Tschechisch und Ungarisch und Salutschüssen wird das Floß schließlich dort, wo der Donaustrom am stärksten ist, ins Wasser gelassen.

Einmal im Jahr gibt es einen „Friedhofsputz“, bei dem sich freiwillige Helfer engagieren können. Im Jahr 2016 spendeten außerdem die Bundesgärten 30 Kränze für den Friedhof der Namenlosen. Die Firma Felbermayer sorgte für den Strom für Veranstaltungen. Erich Schneider, ein Hobbytischler aus Wulzeshofen fertigte ehrenamtlich ein neues Altarkreuz an. Der Friedhof der Namenlosen lebt auch in Zukunft von freiwilligen Spenden.

Video

Das Gasthaus am Friedhof der Namenlosen

Der Hunger, den man als Friedhofsgast bekommt, wenn man länger an der frischen Luft ist, stillt man am besten im Gasthaus Binder, das nur etwa zwei Minuten mit dem PKW und etwa zwanzig Minuten zu Fuß entfernt liegt. Das "Gasthaus zum Friedhof der Namenlosen" gibt es nicht mehr.

Kontakt
Gasthaus Binder
Mannswörther Straße 39
1110 Wien
+43 (1) 7670158
Website des Gasthauses

Öffnungszeiten
Montag
RUHETAG
Dienstag bis Samstag
10.00-22.00 Uhr
Sonntag & Feiertag
10.00-15.00 Uhr

Der Friedhof der Namenlosen in Literatur, Film und Musik

Aus den Spukgerüchten rund um den Friedhof der Namenlosen sind schon die ein oder andere ausgereifte Geschichte entstanden. Der Film Before Sunrise, im deutschen Titel „Before Sunrise – Zwischenstopp in Wien“, aus dem Jahr 1995 erzählt die romantische Liebesgeschichte zwischen dem Amerikaner Jesse und der Französin Celine, gespielt von Ethan Hawke und Julie Delpy. Beide erleben eine unvergessliche Nacht in der Stadt an der Donau. Eine der „Stationen“ ihrer Liebe ist der Friedhof der Namenlosen.

Die deutsche Jugendbuchreihe und Hörspielserie TKKG hat in Folge 194 einen Friedhof der Namenlosen zum Schauplatz ihrer Detektivgeschichte. Diesmal ist es aber der Friedhof der Namenlosen auf einer Nordseeinsel, an dem geheimnisvolle Seefahrer-Grabsteine verweilen und rätselhafte Dokumente auftauchen. Wasserleichen können ja nicht nur im Donaugebiet angeschwemmt werden, sondern das kann grundsätzlich bei jedem Gewässer passieren. In der Zeit der beiden Weltkriege war die Donau, die durch insgesamt zehn europäische Länder fließt, besonders belastet mit Toten und den Geschichten um ihre Herkunft, ihr Leben, ihre Todesursache und das Geheimnis um ihr Leben nach dem Tod.

Es ist schwer, die Namenlosen und ihre Schauergeschichten zu vergessen. Paradoxer Weise ist genau das die Absicht eines Grabsteins oder einer weiter erzählten Geschichte: Dafür zu sorgen, dass die Verstorbenen nie vergessen werden. Die österreichische Band „L’Âme Immortelle“ verwandelt den morbiden Charme des Wiener Südfriedhofs in ein Lied. Die „Drahdiwaberl“ drehten bei den Namenlosen sogar ein Musikvideo und durchmischten die dicke Friedhofsluft mit etwas schwarzem Humor.

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