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Kunst Haus Wien: Ausstellungen 2020

Das Kunst Haus Wien, ein Museum der Wien Holding, hat auch im Jahr 2020 den Schwerpunkt der Fotografie. Mit dabei sind unter anderem die neuen großen Fotografie Ausstellungen „Photography is a language“ und „Nach uns die Sintflut“. Das dürfen Sie nicht verpassen!

Kind steht vor Baustellen-Haus
© Sarker Protick | Sarker Protick, aus der Serie Of River and Lost Lands, 2011-2018

Street.Life.Photography

11. September 2019 bis 16. Februar 2020

Als thematischer Gegenpol zu Fotografien über das Landleben ist die zweite große Fotografie-Ausstellung des Jahres der Street Photography gewidmet, einem der schillerndsten und spannendsten Genres der Fotografie des 20. und 21. Jahrhunderts. Die „Street.Life.Photography“ betitelte Themenschau umfasst 52 Positionen mit über 320 Werken, darunter Klassiker der Street Photography wie Diane Arbus, Robert Frank, Lee Friedlander, William Klein oder Martin Parr.

Ihre Arbeiten dokumentieren die unmittelbar erfahrbare Lebenswelt des „urban space“ und haben damit Fotografiegeschichte geschrieben. Sie treten mit Aufnahmen junger internationaler und österreichischer Künstlern wie Mohamed Bourouissa, Harri Pälviranta, Alex Dietrich und Lies Maculan in einen direkten Dialog. Der Vergleich der unterschiedlichen Inszenierungsmöglichkeiten des urbanen Raums früher und heute lässt nicht nur die Veränderung des städtischen Umfelds, der Mode, der Lifestyles usw. in Erscheinung treten, sondern veranschaulicht auch die Weiterentwicklung des Mediums selbst.

Claudius Schulze: Biosphäre X

30. Jänner – 13. April 2020

Laut dem jüngsten Bericht des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) sind eine Million der etwa acht Millionen Tier- und Pflanzenarten, die es auf der Welt gibt, vom Aussterben bedroht. Verantwortlich dafür sind vor allem Eingriffe des Menschen. Während sich das dramatischste Artensterben der Erdgeschichte weiter beschleunigt, erschafft der Mensch eine neue Spezies: Intelligente Maschinen.

Für die Kunst Haus Wien Garage entwickelt Claudius Schulze eine raumspezifische Installation, die diese beiden epocheprägenden Entwicklungen zusammenführt: Den Verlust an Biodiversität einerseits und die Erschaffung einer neuen Spezies durch künstliche Intelligenz, Bionik und Gentechnik andererseits. Während die Welt für Maschinen verständlich wird, verschwindet sie gleichzeitig für immer. Während das Physische in Bits und Bytes übersetzt wird, sterben Arten, weil deren Lebensgrundlage verloren geht.

Werden Drohnen und Roboter die Tier- und Pflanzenwelt ersetzen? Werden künstliche Intelligenz und autonome Roboter zu einer neuen Spezies? Welche Arten wurden nie entdeckt, da sie vorher ausgestorben sind? Welche hätten sich entwickeln können, wäre die Evolution nicht gestört worden? Fragen wie diese thematisiert Schulze in seinem medienübergreifenden Projekt, das aus großformatigen Fotografien, Scans, Animationen und Renderings besteht.

Kuratorin: Sophie Haslinger

Alec Soth: Photography Is A Language

27. Februar – 16. August 2020

Der Amerikaner Alec Soth zählt seit einigen Jahren zu den wichtigsten Fotografen weltweit. Mit der Serie Sleeping by the Mississipi wurde er 2004 schlagartig berühmt: In die Fußstapfen von Robert Frank tretend, dokumentierte der Künstler auf seinem Roadtrip entlang des Mississippi das amerikanische Leben – subjektiv, mit viel Poesie und Melancholie. Soths fotografisches Werk – er ist Mitglied der renommierten Agentur Magnum Photos – findet sich seither in allen namhaften Ausstellungshäusern und Fotografie-Institutionen.

Seine Personale im Kunst Haus Wien kann als Österreichpremiere bezeichnet werden: Soths bekannteste Serien Sleeping by the Mississippi (2004), Niagara (2006), Broken Manual (2010) und Songbook (2014) sind erstmals in Wien zu sehen, ebenso seine jüngste Arbeit I Know How Furiously Your Heart Is Beating (2019). Mit dieser verdichteten Porträtserie hat der Künstler nach einer einjährigen Schaffenspause erneut Furore gemacht.

Alec Soths fotografisches Werk besticht durch seine poetische Bildsprache. Soth gelingt es virtuos, vorstädtische und ländliche Gegenden in den USA, Menschen und Situationen ins Bild zu setzen. Seine groß angelegten Serien können als Fallstudien der US-amerikanischen Gesellschaft gelesen werden. Soths Fotografien geben Einblick in das Leben gewöhnlicher wie auch manch ungewöhnlicher Menschen; sein Interesse gilt der breiten Mittelschicht abseits der Metropolen sowie Menschen am Rande der Gesellschaft.

Der thematische Zugang von Soth ist von einem philanthropischen Interesse geprägt. Er bedient sich einer dokumentarischen Herangehensweise, wobei er sich von seinem poetischen Blick leiten lässt. Seine in großen Serien zusammengefassten Fotografien bewegen sich zwischen Realität und Fiktion und entwickeln eine außergewöhnliche narrative Kraft. Manche Aufnahmen sind schon allein aufgrund ihres Sujets poetisch, wirken malerisch, sind bisweilen romantisch aufgeladen, etwa wenn Soth die Niagarafälle in all ihrer Pracht ablichtet.

Aber auch den konkreten Darstellungen von Menschen und Orten wohnt stets etwas Träumerisches, Entrücktes inne. Der Blick der Dargestellten spielt dabei wohl eine ebenso gewichtige Rolle wie das Licht, in das die Schauplätze getaucht sind.

Alec Soth
Alec Soth, Peter's Houseboat, Winona, Minnesota 2002, aus der Serie: Sleeping by the Mississippi © Alec Soth / Magnum Photos

In Soths Aufnahmen spiegeln sich Vorstellungen von Lebenssituationen oder (Liebes-)Beziehungen wider, wie sie im amerikanischen Film, in Literatur und Musik geprägt wurden. In seinen vielfach ausgezeichneten Fotobüchern werden die fotografischen Arbeiten von Essays, Kurzgeschichten oder Auszügen aus Songtexten von verschiedenen Autoren (etwa dem Pulitzer-Preisträger Richard Ford) begleitet. Sie tragen zur Gesamterzählung bei und unterstreichen die sehnsuchtsvolle, mitunter melancholische Tendenz, die den eigenwilligen Reiz der Aufnahmen ausmacht.

Soth schafft außergewöhnlich eindringliche Porträts von Menschen und Orten. In seiner einzigartigen fotografischen Sprache erzählt er von großen Gefühlen wie Liebe und Einsamkeit und reflektiert weitreichende gesellschaftspolitische Themen, etwa wenn er Aussteiger oder Außenseiter der US-amerikanischen Gesellschaft porträtiert. In seinen Bildern widerhallen zutiefst menschliche Sehnsüchte und Bedürfnisse, sie erzählen von trivialen wie von komplexen Lebensrealitäten, von physischen und psychischen Landschaften gleichermaßen.

Robert Knoth & Antoinette De Jong: Tree and Soil

23. April – 14. Juni 2020

In der Garage des Kunst Haus Wien zeigt das niederländische Künstlerduo Robert Knoth (*1964) & Antoinette De Jong (*1963) seine neue Videoinstallation Tree and Soil zusammen mit Fotoarbeiten aus der gleichnamigen Serie.

Die Arbeiten entstanden im japanischen Fukushima, wo 2011 infolge eines durch ein Erdbeben ausgelösten Tsunamis erhebliche Mengen radioaktiver Stoffe aus dem beschädigten Atomkraftwerk freigesetzt wurden. Seither ist das Gebiet radioaktiv verseucht, die Langzeitfolgen für Mensch und Natur sind nicht absehbar.

„Mit Tree and Soil heben wir die natürliche Schönheit und den Wert der Natur hervor. Indem wir Vergangenheit und Gegenwart verbinden, untersuchen wir die Beziehung, die Menschen zu ihrer natürlichen Umgebung haben. Nach der radikalen Transformation der verlassenen Landschaften um Fukushima fühlten wir uns oft wie ArchäologInnen der Zukunft, die zu verstehen versuchen, was in einer fernen Vergangenheit geschehen war, als eine mysteriöse Kraft zur Evakuierung von Städten, Dörfern und Wäldern geführt und nur Relikte menschlicher Präsenz zurückgelassen hatte. Inspiriert wurden wir von dem japanischen Landschaftskonzept Fukei, das die Schriftzeichen für Wind und Licht kombiniert, zwei Elemente, die sich in einem kontinuierlichen Spiel von Licht und Dunkel verändern. Panoramabilder zeigen die evakuierten Dörfer, Felder, landwirtschaftlichen Nutzflächen sowie die umliegende Natur mit Wäldern und Bergen. Audioaufnahmen bilden eine reiche und fast greifbare Klanglandschaft – Vögel, die in den Feldern und Bäumen singen, Wasser, das in kleinen Bächen bergab fließt, Wassertropfen, die in Zeitlupe von den Blättern rollen, erwachende Grillen und andere summende Insekten. Aus statischen Positionen geben lange Videoaufnahmen den Prozess des langsamen Wandels anhand winziger Veränderungen in den Landschaften wieder: Wassertropfen, Schneeflocken oder den Wind in Zweigen und Blättern.“ –Robert Knoth & Antoinette De Jong

Die schönsten Ausstellungen Wiens im Überblick!

Noémi Goudal

25.Juni – 27. September 2020

Landschaft in ihrem Doppelcharakter als geografische Realität und als kulturell geprägte Wahrnehmung einer Gegend mithilfe der fotografischen Abbildung zu ergründen, ist das zentrale Interesse der französischen Künstlerin Noémi Goudal. In aufwendigen Produktionen inszeniert sie natürliche Landschaften und erstellt großformatige Bilder, vorwiegend in Schwarz-Weiß. So positioniert sie etwa riesige Spiegel derart in einer Landschaft, dass die auf den Spiegeln reflektierten Ausschnitte in Summe eine kubistische Version ebendieser ergeben.

Auf den ersten Blick erinnern Goudals Fotografien an die amerikanische Landschaftsfotografie von Ansel Adams oder Paul Strand, deren straight photography darauf abzielte, die Natur so darzustellen, wie sie ist. Jedoch ist die Vorstellung einer eindeutigen Wirklichkeit mittlerweile überholt, wir wissen, dass die jeweilige kulturelle Prägung sowie viele andere Faktoren die Wahrnehmung der Realität formen.

Goudal setzt bei diesem Punkt an, indem sie das dialektische Potenzial des fotografischen Bildes befragt. Sie arbeitet bildanalytisch und zerlegt die Realität in Schichten oder Fragmente, bezieht also die Konstruiertheit der Abbildung von vornherein mit ein. Mit ihren Installationen entwirft die Künstlerin räumliche und gedankliche Erweiterungen ihrer Bildinhalte.

Für die Garage des Kunst Haus Wien entwickelt Noémi Goudal eine raumgreifende Holzkonstruktion, die ein Display für ihre einzigartigen Fotoarbeiten bildet und wiederum auf den Konstruktionscharakter von Wirklichkeit verweist.


Kuratorin: Verena Kaspar-Eisert

Eisberg in schwarz weiß-Fotografie
© Noémi Goudal, Courtesy Noémi Goudal und Galerie Les Filles du Calvaire, Paris | Noémi Goudal, Souvlèvement I, 2018

Nach uns die Sintflut

16. September 2020 – 28. Februar 2021

Als grünes Museum widmet das Kunst Haus Wien auch seine großen Fotografiepräsentationen regelmäßig zentralen ökologischen Themen. Die Hauptausstellung im Herbst zeigt eine Auswahl künstlerischer Positionen, die die Auswirkungen des Klimawandels auf das Ökosystem ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken.

Sie zeigen und analysieren die Folgen der globalen Klimakrise für Gletscher-, See- und Meeresregionen unter Berücksichtigung wissenschaftlicher und politischer Faktoren. Dabei vermögen die Bilder von schwindenden Gletschern, steigenden Meeresspiegeln, zunehmend versauerten Ozeanen und versteppten Landflächen vor allem emotional zu berühren und damit einmal mehr die Dringlichkeit des Themas nachhaltig vor Augen zu führen.

Nach uns die Sintflut vereint aktuelle fotografische und filmische Arbeiten von 16 internationalen und heimischen Künstlern. Nach langer Recherche und in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern entstanden, thematisieren ihre Werke die ökologischen Auswirkungen unserer Lebensweise auf verschiedene Regionen der Erde. Mitunter beleuchten sie auch die gesellschaftspolitischen und sozialen Folgen oder skizzieren Zukunftsszenarien.

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Die Künstler lenken den Blick auf Menschen in jenen Regionen, die schon jetzt am stärksten von den Folgen des Klimawandels betroffen sind und veranschaulichen die globalen Zusammenhänge zwischen unserem Lebensstil und ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Problemen. Manche Arbeiten sind vordergründig von der Schönheit der Natur durchdrungen, während andere Bilder ungeschönt zerstörte Landstriche und Regionen vor Augen führen.

Exemplarisch für Letzteres steht Axel Braun, der die Geschichte und erschreckende Gegenwart der Pasterze (des größten Gletschers Österreichs, am Fuße des Großglockners gelegen) untersucht und die dramatische Gletscherschmelze dokumentiert. Den Permafrost als Klimaindikator thematisiert Benedikt Partenheimer in seiner Fotoserie Memories of the Future und mahnt vor den fatalen globalen Folgen des drohenden Auftauens der gefrorenen Böden in Alaska.

Angela Tiatias Videoinstallation ist eine meditative Studie über das alltägliche Leben im südpazifischen Inselstaat Tuvalu. Die Insel, die massiv vom Anstieg des Meeresspiegels bedroht ist, steht stellvertretend für all jene Regionen der Erde, die von Überschwemmungen betroffen sind. Der bangladeschische Fotograf Sarker Protick widmet sich der durch den Klimawandel bedingten Erosion der Flussufer des Ganges in seinem Heimatland.

Video

Ein Aufruf zum Handeln

„Après moi le déluge! ist der Wahlruf jedes Kapitalisten und jeder Kapitalistennation“, schreibt Karl Marx im ersten Band von Das Kapital (1867). Die titelgebende Redewendung „Nach uns die Sintflut“ bringt unsere Gleichgültigkeit gegenüber der faktischen Umweltzerstörung zum Ausdruck und kritisiert ein Verhalten, das nur auf den eigenen kurzfristigen Profit bedacht ist und die systemischen Zusammenhänge und dramatischen Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem nicht anerkennt.

Die in Nach uns die Sintflut gezeigten Arbeiten wollen hingegen zum Handeln anregen. Sie geben den oft abstrakten und komplexen Prozessen sowie ökosystemischen Zusammenhängen eine visuelle Form, sie zeigen Tatsachen und schaffen Visionen und machen dabei deutlich, dass es um nicht weniger geht als um die Zukunft unseres Planeten.

Gezeigte Künstler: Ursula Biemann, Axel Braun, Michael Goldgruber, Justin Brice Guariglia, Stephan Huber, Genoveva Kriechbaum, Anouk Kruithof, Douglas Mandry, Benedikt Partenheimer, Nicole Six & Paul Petritsch, Sarker Protick, Gabriele Rothemann, Anastasia Samoylova, Frank Thiel, Angela Tiatia

Kuratorinnen: Sophie Haslinger und Verena Kaspar-Eisert

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