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Rektor der Vetmed Uni Wien Wolf-Dietrich von Fircks zur aktuellen Uni-Situation

Das Studium auf der Vetmed Wien ist eine der wenigen Studienrichtungen, zu welchen man nur über ein positiv abgeschlossenes Aufnahmeverfahren zugelassen wird. Daher ist die Stellungnahme des Rektors der Vetmed Wien Wolf-Dietrich von Fircks zur aktuellen Situation der Universitäten hoch interessant und stellt einen besonders wissenswerten Beitrag dar.

Vetmed Wien: Stellungnahme des Rektors Wolf-Dietrich von Fircks zur aktuellen Uni Situation

Vetmed Wien wird die Veterinärmedizinische Universität Wien genannt, die von Rektor Wolf-Dietrich von Fircks geleitet wird.
Die Vetmed Wien ist nicht nur das Zentrum für Forschung und Lehre der Medizin für Tiere, sondern auch Betreiber eines Tierspitals, das von den Dienstleistungen der Universität unterstützt wird. Im Rahmen des Studiums an der Vetmed Wien werden verschiedene Kategorien zur Ausbildung geboten:

Pferdewissenschaften als Bachelorstudium, Biomedizin und Biotechnologie auch weiterführend als Masterstudium, die klassische allgemeine Veterinärmedizin als Diplom- und Doktoratsstudium, Naturwissenschaften als Doktoratsstudium, sowie PhD-Studien.
Daneben werden an der Vetmed Wien Universitätslehrgänge gehalten: Physiotherapie am Tier für TierärztInnen, tiergestützte Therapie und Fördermaßnahmen, Physiotherapie und Rehabilitationen bei Hunden, Huf- und Klauenbeschlag und funktionelle Klauenpflege.
Weiters führt die Vetmed Wien Internships mit Residency-Programmen auf den Gebieten der Kleintiermedizin, Wiederkäuermedizin, Pferdemedizin und Reproduktionsmedizin.

Das als sehr anspruchsvoll bekannte Studium an der Vetmed Wien wird von etwa 2.260 Studenten betrieben, deren größter Teil Frauen sind. Ihnen steht ein Personalstand von etwa 1000 wissenschaftlichen MitarbeiterInnen zu Verfügung, darunter 34 ProfessorInnen (Zahlenangaben nach Stand 2008).

Die Vetmed Wien verfolgt neben der Lehre und Ausbildung vor allem das Ziel die veterinärmedizinischen Wissenschaften voranzutreiben. Neben den klassischen Forschungsgebieten wird der Schwerpunkt auf der Vetmed Wien auf die Wissensfelder der raschen Erkennung und Entwicklung von Bekämpfungsmaßnahmen von Seuchen gelegt, auf die Weiterentwicklung der Methodik und Sicherstellung der bestmöglichen Tierbehandlung, sowie die Sicherung von gesunden Lebensmitteln. Mit internationalen und interdisziplinären Kooperationen und speziellen Fördermaßnahmen stellt die Vetmed Wien auch über die Landesgrenzen hinaus ein führendes Forschungszentrum der Veterinärmedizin dar.

Das Studium auf der Vetmed Wien ist eine der wenigen Studienrichtungen, zu welchen man nur über ein positiv abgeschlossenes Aufnahmeverfahren zugelassen wird.
Gerade unter diesem Aspekt ist die Stellungnahme des Rektors der Vetmed Wien Wolf-Dietrich von Fircks zur aktuellen Situation der Universitäten hoch interessant und stellt einen besonders wissenswerten Beitrag dar.

Wolf-Dietrich von Fircks war so freundlich stadt-wien.at eine Rede zu Verfügung zu stellen, die er anlässlich der akademischen Feier am 13.11.2009 gehalten hat und die im Folgenden unverändert wiedergegeben ist.

Rektor Wolf-Dietrich von Fircks zur aktuellen Uni-Situation

Rede zur Akademischen Feier am 13.11.2009

Sehr verehrte Festversammlung,
ich möchte Sie nochmals ganz herzlich begrüßen, besonders natürlich unsere Diplomandinnen und Diplomanden, Bachelorabsolventinnen und –absolventen und Absolventinnen der Physiotherapie-Ausbildung, aber auch ganz besonders unseren ausgezeichneten und auszuzeichnenden Bibliotheksdirektor Hofrat Dr. Günther Olensky.
Wir haben uns hier heute zu dieser Feier versammelt in Würdigung Ihrer Leistungen. Ihnen gelten unsere besondere Aufmerksamkeit, unsere Glückwünsche und unsere Anerkennung.
Die Leistungen, die Sie erbracht haben als Lernende, aber auch diejenigen, die Ihnen dabei geholfen haben in der Bibliothek und als Lehrende, hier heute zu würdigen, ist eine ganz besondere Freude, gerade in diesen unruhigen Zeiten. Denn die vielfältigen, teils heftigen und berechtigten Diskussionen über die Arbeitsbedingungen an den Universitäten zeigen, dass es keineswegs selbstverständlich ist, dass solche erfolgreichen Leistungen gewürdigt werden können.
Gerade deshalb, glaube ich, ist es auch geboten und sinnvoll, zur aktuellen Wissenschaftspolitik und den vielfältigen dort diskutierten Problemen bei der heutigen akademischen Feier Stellung zu beziehen.
Ein Anknüpfungspunkt der Diskussion und Proteste zurzeit sind der Andrang so vieler Studierwilliger. Dieses wird in einen Zusammenhang gebracht mit dem Fehlen von Studiengebühren, welche vor acht Jahren eingeführt worden waren, von Ihnen allen also zu zahlen waren und vor einem Jahr wieder weitgehend abgeschafft worden sind.
Ich möchte hier aus meiner Sicht ganz eindeutig feststellen, dass zwischen diesen beiden Sachverhalten, also viele Studierwillige einerseits und fehlende Studiengebühren andererseits kein Zusammenhang besteht. Dagegen sprechen neben den höheren Steuern, die alle zahlen, allein schon die Lebenshaltungskosten, die pro Monat schon deutlich höher sind, als es je die Studiengebühren pro Jahr waren und -vergleicht man die Lebenshaltungskosten in Österreich mit denjenigen Kosten in den umliegenden Ländern (außer der Schweiz) - dann ist auch da festzustellen, dass die Kosten hier deutlich höher sind, als je durch eine Einsparung von Studiengebühren erwirtschaftet werden könnte.
Auch unsere Statistik spricht eine deutliche Sprache. Der Andrang nach den Studienplätzen wuchs in den letzten 10 Jahren kontinuierlich, er wuchs vor der Einführung der Studiengebühren, er wuchs während des Bestehens der Studiengebühren und zwar von österreichischen Maturantinnen und Maturanten wie von externen. Und er wächst weiterhin.
Ein noch deutlicheres Indiz ergibt sich daraus, dass selbst an den Studienorten, wie zum Beispiel an unserer Nachbaruniversität in Budapest, wo Studiengebühren von fast 10.000 Euro zu bezahlen sind, trotzdem mehr Studierwillige als Plätze in der Veterinärmedizin vor der Tür stehen.
Es gilt also festzuhalten – und ich glaube, dass galt auch für Sie alle - Sie haben nicht hier studiert, weil es billiger ist, sondern Sie sind an unsere Universität gekommen, weil Sie eine gute Ausbildung anstrebten.
Wenn man dieses feststellt, wird einem aber auch klar, dass der hohe Andrang Studierwilliger zunächst nicht, wie es die Politik leider tut und die Medien verbreiten, als Bedrohung angesehen werden darf, sondern ein Kompliment für unser Bildungssystem, für die Universitäten ist.
Und es ist sogar ein Kompliment im doppelten Sinne, weil es nämlich zeigt, dass die SchülerInnen den PolitikerInnen, den LehrerInnen, den Eltern und Medien zugehört haben.
Sie haben gelernt und realisiert, dass eine gute Ausbildung die beste Zukunftsinvestition ist, sowohl individuell wie auch volkswirtschaftlich.
Sie haben gemeinsam mit Ihren Familien, denen hier zu danken ist, weil sie die Ausbildung ja oft finanziert haben, begriffen, dass dieses ganz besonders in Krisenzeiten gilt.
Denn weltweit weisen alle Statistiken nach, dass je geringer die Ausbildung, desto geringer das Einkommen und desto größer das Risiko von Arbeitslosigkeit und Armut.
Außerdem weisen alle volkswirtschaftlichen Rechnungen nach, dass insbesondere rohstoffarme Länder in ihrer Produktivität abhängig sind von der bestmöglichen Ausbildung sowohl ihrer eigenen Bevölkerung als auch möglichst vieler der hinzuziehenden Migranten (wofür die USA ein gutes Beispiel geben). Denn diese neue Generation erarbeitet durch das Wissen in ihren Köpfen den Wohlstand von morgen. Und Wohlstand ohne gute medizinische Versorgung, ohne gesunde Nahrungsmittel, ohne gesunde Umwelt ist nicht vorstellbar, wäre nicht lebenswert. Weshalb gerade die medizinischen Wissenschaften besonders zu fördern sind.
Der Studienwunsch der leider als Problem definierten und nicht als Chance begriffenen, vielen Studierwilligen ist also der beste Beweis für eine sehr vernünftige und konstruktive Lebensplanung der jungen Generation.
In der politischen Diskussion wird dann in einem zweiten Schritt, wenn schon dem einzelnen Studierwilligen der Studienwunsch nicht mehr vorgeworfen werden kann, die Kritik am Protest der Studierenden und Lehrenden an den unzureichenden universitären Arbeitsbedingungen oft damit begründet, dass der Protest destruktiv sei, indem er nur als Abwehr von Anforderungen formuliert werde, also gegen Studiengebühren, gegen Auswahlverfahren, gegen Zulassungsbegrenzungen, gegen Studieneingangsphasen usw.
Dass dieser Protest oft so negativ artikuliert wird, ist zwar richtig, aber nur die halbe Wahrheit. Denn die Ablehnung bestimmter Symptome bedeutet keine Verweigerung zur Erarbeitung von Lösungen. Und wenn Studiengebühren, wie es bei der Einführung hier war, nur dem Zweck dienen sollen, dass sich der Staat aus der Bildungsfinanzierung zurückzieht, dann sind sie eben auch kein Beitrag gewesen zur Lösung der Probleme, sondern lediglich eine Verschiebung des Problems.
Ähnlich ist es bei Zulassungs- oder Auswahlverfahren. Wenn dadurch nicht die bestmögliche Chance für alle für einen erfolgreichen Abschluss geschaffen, sondern lediglich ein größerer Teil überhaupt an der Ausbildung gehindert werden soll, schaffen Sie keine Lösung und ist der Protest dagegen durchaus ein konstruktiver.
Alle, die genau zuhören, wissen, dass sowohl Studierende wie Lehrende - und hier kann ich auch ganz eindeutig für die in der Universitätenkonferenz zusammengeschlossenen Rektoren der 21 österreichischen Universitäten sprechen - letztlich ein positives Ziel verfolgen! Wir alle wünschen uns mehr erfolgreiche HochschulabsolventInnen: durch ausreichende qualifizierte Studienplätze für alle Studierwilligen! Und das heißt auch genügend Lehrende, genügend Räume und Lehrmaterialien.
Hier in der Veterinärmedizin haben wir immer noch viermal soviel Studierende pro Lehrende wie zum Beispiel in der Schweiz oder in England. Deshalb ist sowohl der Protest der Studierenden über die schwierige Betreuungssituation als auch der Protest der Lehrenden über ihre belastenden Arbeitsbedingungen völlig berechtigt.
Wenn genügende gute ausfinanzierte Studienplätze vom Staat garantiert und bereitgestellt werden würden, würden sich die Fragen nach einem Studierendenbeitrag und nach einem Auswahl- und Zulassungsverfahren sicherlich anders stellen. Denn dann geht es nicht um ein Verhindern des angestrebten Erfolges, sondern um einen gemeinsamen Beitrag zu diesem Erfolg und dessen schnellstmöglicher Realisierung.
In diesem Sinne, dass ist bekannt, bin auch ich für Studienbeiträge und Auswahlverfahren, die jedem eine bestmögliche Chance auf einen Studienerfolg bieten und der Universität die Chance geben, eine qualifizierte Ausbildung zu vermitteln.
Und eine solche Aufbruchstimmung in unserem gemeinsamen Interesse für den Wissenschafts- und Bildungsbereich in Europa zu vermitteln, könnte ja durchaus von Österreich ausgehen. Österreich, als kleines Land, hat als es darum ging, im Herbst für die Milchbauern bessere Konditionen zu realisieren, sehr aktiv auf europäischer Ebene die Initiative ergriffen und hat es mit anderen gemeinsam geschafft, 250 Millionen zusätzliche öffentliche Mittel zu mobilisieren. Ich denke unsere Studierenden, unsere Wissenschaft, ja unsere Zukunft sollten es auch wert sein, hier ein entsprechendes Engagement für die Universitäten aufzubringen.
Und um bei der aktuellen Politik zu bleiben, da ist es nicht damit getan, wie jetzt von der Politik angekündigt, dass ca. 30 Millionen Euro einmalig für die jetzt in diesem Semester durch neue Studierende besonders betroffenen Bereiche zur Verfügung gestellt werden. Denn das wäre geradezu zynisch, indem diejenigen Fächer, in denen jetzt erstmalig besondere Belastungen auftreten, nun durch ein besonderes Zuckerbrot ruhig gestellt werden, während diejenigen Fachbereiche, wie gerade die Veterinärmedizin, wo seit Jahren Überlastbedingungen bestehen und deshalb die Politik auch schon vor Jahren zugestehen musste, dass hier ein Zulassungs- und Auswahlverfahren erforderlich ist, weiterhin ihren Notstand verwalten müssen.
Eine Lösung und Verbesserung der Situation geschieht nicht durch die Fortschreibung von ungerechten Missständen, sondern es müssen einfach in jedem Bereich angemessene Studienplatzfinanzierungen und angemessene Betreuungsrelationen für eine bestmögliche Lehr- und Forschungssituation hergestellt werden. Ich bitte Sie, ganz nachhaltig sich dafür einzusetzen: Seien Sie in diesem Bemühen unsere Verbündeten.
Seien Sie es insbesondere auch angesichts der ungerechtfertigten Kritik, die zum Teil zurzeit in den Medien an unserer Universität geübt wird.
Da wird behauptet, dass hier missbräuchlich Gelder verwandt bzw. zweckentfremdet wurden, obwohl wir nachweislich in wesentlich höherem Umfang als andere Universitäten und Institutionen die für die Netzwerkarbeit und internationale Kooperation erforderlichen repräsentativen Veranstaltungen durch Sponsoren und private Mittel finanziert haben.
Und es ist auch verkehrt, wenn behauptet wird, dass wir durch den wirtschaftlichen Konkurs einer hier angesiedelten Firma dem Universitätsbudget einen Schaden zugefügt hätten.
Keine Firma ist aus dem Universitätsbudget finanziert worden, sondern im Gegenteil bis zu 10 Firmen haben durch ihre Mietzahlungen und durch die Erstattung von
Personalkosten und Gerätenutzungen zur Finanzierung unseres Budgets positiv beigetragen. In diesem Sinne hatten wir im Vorjahr die Hoffnung auf einen zusätzlich höheren erwirtschafteten Beitrag, wenn die sich zu Beginn des Jahres 2008 abzeichnende wirtschaftliche Entwicklung angehalten hätte.
Dies war nicht der Fall, weshalb von uns erhoffte und erwartete Gewinne und Erstattungen ausblieben und wir als ordentliche Kaufleute das abschreiben mussten. Aber es wurde kein Euro der öffentlichen Mittel dem Lehr- oder Forschungsbetrieb entzogen. Weil wir Transparenz wollen und ein gutes Gewissen haben, haben wir auch von uns aus schon vor einem Jahr Wirtschaftsprüfer den Sachverhalt begutachten lassen und jetzt auch den Rechnungshof um seine Stellungnahme gebeten. Auch der Blick in die internationale universitäre Szene zeigt, die Universitäten, die versuchen über den Verbrauch von Forschungsgeldern hinaus durch ihre Leistungen auch Einnahmen zu erzielen, bei allem Risiko, das der Markt bietet, stehen langfristig deutlich besser da. Denn selbst wenn nicht jede Firma sich am Markt durchsetzen kann: nur wer etwas unternimmt, kann etwas Zusätzliches gewinnen und nicht, wer nur etwas verbraucht.
Deshalb bitte ich Sie auch hier die positive Entwicklung weiter mit zu begleiten und sich nicht durch ängstliche Kritik verunsichern zu lassen.
Gerade Sie als Absolventinnen und Absolventen ermutige ich nachdrücklich, sinnvolle wirtschaftliche Umsetzungsstrategien gemeinsam mit uns zu ergreifen.
Wir werden Ihnen jedenfalls helfen, wenn Sie ein Unternehmen gründen wollen, indem Sie eventuell hier Räume mieten können, mit uns Geräte nutzen können und in der Forschung und Diagnostik eine Kooperationsmöglichkeit besteht.
Bleiben Sie, in welcher Funktion auch immer, der Wissenschaft und unserer Universität verbunden und engagieren Sie sich auch weiterhin – auch im eigenen Interesse – für Ihre und unsere gemeinsame Zukunft. Im Interesse der Tiergesundheit, im Interesse des Wohlergehens von Mensch und Tier und des Erhaltes unserer Umwelt.
Machen auch Sie sich meinen von Erich Kästner formulierten Wahlspruch zu eigen, der lautet: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“
Ich danke Ihnen ganz herzlich.

stadt-wien.at dankt Herrn Rektor Wolf-Dietrich von Fircks für die Übermittlung seiner Rede, die hier in unveränderter Form wieder gegeben ist.

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