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Kino Text: Melanie Gerges

Der verlorene Sohn: Religion oder Liebe

Kann Homosexualität geheilt werden? An diese Hoffnung klammern sich in "Der verlorene Sohn" die Eltern des jungen Jared und zeigen: Die bewegendsten Geschichten schreibt immer noch das Leben selbst. 

Der verlorene Sohn Film
© upimedia | In einem Therapiezentrum soll Jareds sexuelle Orientierung "umgepolt" werden

Der verlorene Sohn Kritik

Jared ist der klassische American boy: Der College-Student ist begeisterter Läufer, sportlich, hübsch und gläubig. Sein Vater der Baptistenprediger ist stets bemüht, ihm die richtigen Werte näherzubringen. Die Heile Südstaaten-Welt ändert sich jedoch abrupt, als Jared sich als homosexuell outet.

Für seinen Vater gibt es dafür nur eine Lösung: Jared muss in ein Umerziehungscamp, eine Art Therapiezentrum, in dem seine sexuelle Orientierung durch Gebete, Vorträge und zahlreiche verstörenden Praktiken geändert werden soll. Für den Jungen beginnt eine Zeit, in der er sich entscheiden muss. Denn nichts ist ihm wichtiger, als seine Eltern - insbesondere seinen Vater - stolz zu machen. Aber muss er sich dafür selbst verleugnen?

Was wie der Stoff einer fiktiven Dystopie klingt, ist in Amerika vielerorts Gang und Gebe. Studien zufolge sind diese sogenannten "Conversion"-Therapien für Minderjährige in 36 US-Staaten auch heute noch erlaubt, rund 700.000 Amerikaner gaben an, in ihrem Leben eine solche Therapie durchlaufen zu haben. Auch Jareds Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit und orientiert sich an den 2016 veröffentlichten Biographie "Boy Erased: A Memoir" von Garrard Conley. Dieser musste 2004 in ein solches Zentrum. Heute lebt er als offen schwuler Mann in New York. 

Top-Besetzung mit Nicole Kidman und Lucas Hedges

Diesen Bezug zur wahren Begebenheit spürt man in jeder Szene. Der Film ist bedrückend, nah und schafft es, das Publikum in eine Situation zu versetzen, die man sich sonst kaum vorstellen möchte. Diese starke und beeindruckende Inszenierung ensteht einerseits durch die Top-Besetzung. Russell Crowe überzeugt als gläubiger Baptistenprediger, der sich zwischen seinem Sohn und seinem Glauben entscheiden muss. Die Mutter - großartig verkörpert von Nicole Kidman - möchte hingegen eigentlich nur das Richtige tun. "Es heißt, man muss einem Kind gelegentlich wehtun, um ihm zu helfen", sagt sie in einer Szene und es wirkt so, als versuche sie so gut es geht, sich diese Predigten einzureden. 

Auch zu erwähnen ist Regisseur Joel Edgerton, der sich für die Produktion nicht nur intensiv mit den Schauplätzen und Menschen hinter der Biographie beschäftigte, sondern auch als grausamer und unberechenbarer Therapeut auftritt, den man am liebsten einfach wachrütteln würde. Denn die Absurditäten, die in diesen "Therapie-Einheiten" verbreitet werden, gehen einem derart unter die Haut, dass man seine Wut über das Geschehen kaum verstecken kann. 

Der eigentliche Star des Films ist aber Hauptdarsteller Lucas Hedges. Wie in früheren Produktionen - darunter Ladybird oder Three Billboards outside Ebbing, Missouri - schafft er es erneut, sein Publikum in jeder Sekunde zu packen. Und dafür benötigt er keine große Show, keine überragende Geste oder stimmungsvolle Musik; der Ausdruck des Schauspielers reicht vollkommen aus, um dem Publikum die ein oder andere Träne zu entlocken. 

Lust auf Kino aber noch nicht den richtigen Film parat? Dann lesen Sie auch unsere Kritiken zu „Fahrenheit 11/9“ und „The Favourite“.

Wenn der Glaube die Familie entzweit

Eben diese Einfachheit macht den Film so besonders. So wird etwa mancherorts bewusst auf Musik oder Kameratricks verzichtet. Denn das alles braucht diese emotionsgeladene Situation nicht. Ganz im Gegenteil: Die teilweise eingesetzte Stille macht die Szenen noch bedrückender.

Fernab von Stereotypen oder striktem schwarz-weiß-Denken wird hier eine Situation gezeigt, in der sich viel zu viele Menschen weltweit befinden. Regisseur Edgerton verzichtet bewusst darauf, Menschen und Protagonisten als Bösewichte darzustellen und zeigt vielmehr, welche Motivation hinter ihren Entscheidungen steht. Denn die Eltern schicken Jared nicht aus Boshaftigkeit in das Camp, sondern aus einer Überzeugung, dass ihm dieses tatsächlich helfen kann. Eben diese Nähe zu den Charakteren und ihre Motivationen machen manche Szenen so verstörend. 

Weitere Filmstarts im Februar

  • Mein Bester und ich: Neuauflage des französischen Kinoerfolgs "Ziemlich beste Freunde" mit Bryan Cranston und Kevin Hart. Kinostart: 21.02.2019
  • Vice- Der zweite Mann: Oscar-nominiertes Drama über das Leben und Werden von Ex-Vizepräsident Dick Cheney. Kinostart: 22.02.2019 
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