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Holzindustrie

Holzindustrie in Österreich: stadt-wien.at interviewte Dr. Claudius Kollmann, Obmann des Fachverbandes der Holzindustrie in Österreich.

Sturmschaden Paula

Interview mit Dr. Claudius Kollmann, Geschäftsführer Fachverband der Holzindustrie Österreich

Herr Kollmann, unser Thema ist der Sturmschaden durch den Sturm Paula. Wie groß in Festmeter ist der Schaden und wie ist die derzeitige Preissituation, was den Waldbauern bezahlt werden kann pro Festmeter?

Hubschrauber des Landwirtschaftsministeriums haben versucht, den Schaden möglichst genau einzugrenzen. Dem Vernehmen nach handelt es sich dabei um 6,2 Millionen Festmeter. Schwerpunkte sind die Steiermark mit über 4 Millionen Festmetern, Kärnten mit eineinhalb Millionen sowie Oberösterreich und das südliche Niederösterreich. Die Preise sind natürlich betroffen. Man muss bedenken, dass Sägebetriebe sich aus Sorge um den Rohstoff einfach frühzeitig mit Holz eindecken.

Kann das heißen, dass die Sägebetriebe Angst hatten, zu wenig Holz zu bekommen?

Ja, immer. Wir haben in Österreich ein strukturelles Loch. Der Bedarf übersteigt die in Österreich derzeit geerntete Menge ungefähr um ein Drittel. Nun kann man natürlich sagen, entweder wir haben Überkapazitäten oder es wird zu wenig genutzt. Im Effekt kommt das auf das Gleiche hinaus. Faktum ist, dass ein strukturelles Loch da ist, und unsere Bestrebungen zielen klarerweise nicht in erster Linie darauf ab, die Importe zu steigern, sondern die in Österreich vorhandenen und zuwachsenden Holzmengen besser zu nutzen. Nun ist es aber so, dass die Holzmengen, die bei uns wachsen, im Kleinbauernwald anfallen, und dass der Kleinbauernwald nicht marktwirtschaftlich agiert. Der Bauer geht nicht in den Wald, wenn der Preis besonders hoch ist, sondern er geht dann in den Wald, wenn er einen neuen Traktor braucht oder wenn zum Beispiel seine Tochter heiratet. Wir sind aber immerhin eine der leistungsfähigsten Industrien weltweit in diesem speziellen Sektor. In Europa gibt es nur vier Länder, die wirklich stark in der Holzindustrie sind: Finnland, Schweden, Deutschland und Österreich. Wir sind weltweit der fünftgrößte Holzexporteur der Welt. Eine Großindustrie kann aber natürlich nicht warten, bis der Bauer sich entschließt, in den Wald zu gehen. Das heißt, es gibt Löcher, die durch Importe abgedeckt werden müssen. Die Säger versuchen natürlich, vor dem Winter und in den schneearmen Phasen möglichst viel Holz zu bekommen. Es kann immerhin sein, dass Wälder und Forststraßen unpassierbar werden und in diesem Fall müssen die Säger auf einem gesunden Polster sitzen. Das heißt, die Sägewerke waren sehr gut eingedeckt mit sägefähigem Rundholz – wohlgemerkt noch zu teuren Preisen eingekauft zu Preisen zwischen 80 und 90 Euro. Dazu kommt, dass sich am Markt noch ganz beachtliche Mengen durch die Stürme Oli und Kyril befinden, die ebenfalls noch auf den Markt drücken. Diese Kontingente müssen jetzt langsam aufgearbeitet werden. Das ist natürlich ein Kuriosum und ein ausgesprochener Schicksalsschlag. Wir haben damals im Jänner gesagt, ein nochmaliger Sturm wäre das Schlimmste, was uns jetzt passieren könnte. Denn das betrifft nicht nur die Bauern, sondern auch unsere Klientel. Die sitzt dann auf einem Rundholzlager, das sie zu teuren Preisen eingekauft hat, und einen Tag später kostet das Holz gleich um so und soviel Prozent weniger.

Ist der hohe Lagerbestand nur in Österreich gegeben oder auch in den angrenzenden Ländern wie Deutschland?

Traditionell hat die Lagerhaltung wieder ihren Stellenwert bekommen, nachdem lange Zeit betriebswirtschaftliche Notwendigkeiten gepredigt wurden wie „Just in time“. In der Holzwirtschaft hat die Lagerhaltung aber ihren festen Stellenwert. Das heißt, die Sägewerke waren gut versorgt mit Rundholz zu hohen Preisen. Eines muss man auch noch sagen: In den beiden letzten Saisonen, als die zwei letzten Windwürfe waren, hatte man plötzlich Holz im Überfluss. Es war ja auch ausdrücklicher Konsens der Marktpartner, diese Mengen möglichst schnell aufzuarbeiten. Die Sägeindustrie war sich ihrer Verantwortung durchaus bewusst und hat in kurzer Zeit große Mengen produziert. Man darf nicht vergessen, dass die Kapazitäten weit über der Menge liegen, die wir derzeit tatsächlich produzieren. Jedenfalls haben wir durch diese großen Produktionsmengen unsere Hauptmärkte überfordert. Die Preise dort sind leider in den Keller gerutscht, die Konjunktur hat abgenommen und der Wechselkurs zu den USA muss nicht erst kommentiert werden. Wir haben also unsere wichtigsten Exportmärkte überfordert, und die Preise von Schnittholz sind – so behaupten viele – im freien Fall. So dramatisch möchte ich es nicht kommentieren, aber Tatsache ist, dass die Schnittholzpreise stark unter Druck sind und eine Verbesserung fürs erste Halbjahr 2008 sicher nicht absehbar ist. Es liegt daher in der Natur der Sache, dass eine reife und vernünftige Industrie ihren Einschnitt gedrosselt hat.

Warum betrifft diese Preissituation nur Österreich, aber nicht unsere Nachbarländer? Sie sprechen ja vom Bedarf am internationalen Markt, aber das Sinken der Preise von 80 bis 90 Euro auf eine Größenordnung von etwa 60 Euro ist ja ein rein österreichisches Phänomen.

Gegenwärtig hat es in Österreich eine ganz spezifische Situation gegeben: Ein momentanes Überangebot, Nachwirkungen der zwei Großstürme usw. Wir reden gerne von Weltmarkt und globalisierter Wirtschaft. Der Holzmarkt ist aber doch ein eher regionaler Markt. Es gibt keine Europa- oder gar Weltmarktpreise.


Aber wird denn nicht der Löwenanteil des österreichischen verarbeiteten Holzes exportiert? Immerhin haben wir in Österreich keine Möbelindustrie.

Da muss ich heftigst protestieren. Erstens: Sehen Sie bitte die Holzindustrie nicht nur als Sägeindustrie. Das ist ein guter und großer Teil davon, aber wir haben auch eine der größten Plattenindustrien der Welt. Wir haben außerdem einen guten Baubereich der Holzindustrie:  Fenster, Türen, Fertighäuser, Parketten und Ähnliches. Nicht zu vergessen auch die Schiindustrie - 80 Prozent der Schi werden nach wie vor mit Holzkern produziert – und eben auch eine Möbelindustrie. Für die Möbelindustrie ist der Weichschnittholzmarkt völlig irrelevant. Relevanz besteht höchstens indirekt wieder über die Platten, die sie verarbeitet.

Wie erklären Sie sich den großen Preisunterschied? Bayern zahlen fürs österreichische Holz nach wie vor 85 Euro – die Angebote von den Sägewerken liegen am Tisch – Österreich liegt dagegen nur bei einem Angebot von 65 Euro.

Die 65 Euro kann ich nicht kommentieren. Dem Vernehmen nach hat gutes, sägefähiges Holz, durchaus seinen Markt. Tatsache ist: Beim ausgesprochen sturmgeschädigten Holz, beim Bruchholz gibt es natürlich Abschläge. Außerdem: Wenn wirklich Nasslager angelegt werden müssen, dann kostet das Geld. Man kann davon ausgehen, dass die Kosten für solche Nasslager pro Festmeter bei 15 Euro liegen. Die Frage ist, wer das zahlen muss. In der momentanen Situation sehe ich ehrlich gesagt nur einen, und das wird die Forstwirtschaft sein müssen. Das alleine erklärt also schon einmal einen Preisunterschied von 15 Euro.

Was ist der Grund, dass die Bundesforste zwei Sägewerken in Österreich die Kooperation aufgekündigt haben?

Wir sehen das als eine sehr ernste Sache. Sie müssen bedenken, dass die Bundesforste ein Betrieb sind, der im Eigentum der Republik Österreich steht, und dass sie eine Verantwortung gegenüber der österreichischen Industrie haben. Außerdem haben die Bundesforste in Österreich einen flächenmäßigen Anteil von 15 Prozent. Im Holzmarkt selbst haben sie wahrscheinlich einen wesentlich größeren Anteil und zwar aus folgenden Gründen: Erstens kaufen die Bundesforste auch bei kleineren Bauern zu. Zweitens haben sie unzweifelhaft eine Leithammelfunktion. Jeder schaut gebannt darauf, was die Bundesforste machen. Die Landwirtschaft etwa schaut gebannt, was die Bundesforste machen und macht dann das Gleiche. Die Bundesforste haben also aus unserer Sicht eine marktbeherrschende Stellung. Da das so ist, hat es natürlich eine besondere Brisanz, wenn die Bundesforste plötzlich sagen: „Wer sich nicht wohlverhält, wird von uns nicht mehr beliefert.“ Das können wir so nicht hinnehmen. Um nicht ganz einseitig zu sein: Natürlich gibt es schwarze Schafe, die die jetzige Situation ausnutzen wollen. Andererseits ist es ein legitimes Recht, auch auf den eigenen Betrieb zu schauen und die Situation nutzen zu wollen. Das hat die Land- und Forstwirtschaft, als es ihr sehr gut gegangen ist, auch getan. Und nicht zuletzt ist ja diese Tendenz nichts Neues: Wir haben immer schon erlebt, dass der Forst sich sehr genau angesehen hat, wer in Krisenzeiten große Mengen abgenommen hat und wer das nicht getan hat. Die Letzteren sind dann halt spätestens im nächsten Herbst bestraft worden. Das war schon immer der Fall. Nur: Es ist ein Unterschied, ob man das einfach nur tut oder es auch noch in den Medien veröffentlicht.

Sehen Sie nicht die aktuelle, durch die Sturmschäden bedingte Situation als Ausnahmesituation? Immerhin geht es hier ja um die Existenz der Bauern, die über Generationen den Wald gepflegt haben. Hat man versucht, einen gemeinsamen Weg zu finden, bei dem weder der Sägewerkbesitzer noch der Bauer auf der Strecke bleibt?

Natürlich hat man sich Gedanken gemacht und hat sich zusammengesetzt, aber eines möchte ich schon betonen: Wir sind in einer freien Marktwirtschaft, und Preise bilden sich auf Märkten. Ich halte überhaupt nichts davon, Preise auf einem bestimmten Niveau einzufrieren und Empfehlungen herauszugeben. Wir müssen es unseren Firmen und letztlich auch unserem Marktpartner freistellen, welcher Preis verlangt wird und ob sich dieser Preis realisieren lässt. Es ist eine vielgeübte Praxis von Bauernvertretern, aber auch bei den Bundesforsten, ständig am Markt die Realisierung eines bestimmten Preises einzufordern. Ich halte das für groben Unfug eines unreifen, manchmal nicht funktionierenden Marktes. Sie müssen bedenken, dass die Holzindustrie in Normalzeiten aufgrund des Versorgungslochs nach jedem Festmeter giert. Jede Aussage wird am Markt sofort quittiert und schlägt sich auf die Preise nieder. Es ist eine Unsitte, diese Preise zu veröffentlichen, und zu sagen: „Soviel muss es sein“ oder was besonders beliebt ist, zu sagen: „Vor der Zahl muss eine Acht, eine Neun oder gar eine Zehn stehen“. Wir bekennen uns zum Prinzip der Marktwirtschaft. Aber die Verantwortung, der Landwirtschaft zu helfen, Bestände möglichst schnell aufzuarbeiten, Holz nicht sinnlos im Wald verludern zu lassen, ist für uns auf der anderen Seite selbstverständlich. Diese Verantwortung hat die Sägeindustrie genauso wie die Forstwirtschaft.

Um noch bei der Preissituation zu bleiben: Vor dem Sturm bewegte sich  die Preissituation noch bei ungefähr 80 bis 85 Euro. Nun liegen wir bei c.a 60 bis 65 Euro und das innerhalb von ein, zwei Tagen nach dem Sturm. Nochmals zu
den bayrischen Preisen, die nach wie vor bei 80 bis 85 Euro liegen. Bezieht man nun noch die Transportkosten für eine Lieferung nach Bayern mit ein, sind wir wieder bei einem Preis von ungefähr 60 Euro. Hier in Österreich hätten wir aber diese hohen Transportkosten nicht. Darum nochmals meine konkrete Frage: Ist in den Nachbarländern die Überkapazität in der Versorgung nicht gegeben? Brauchen diese vielleicht mehr Holz und können dadurch bessere Preise bezahlen?


Ich möchte das anders beantworten: Es wird sicherlich so sein, dass die Importe zurückgehen. Ganz abstellen lassen sie sich nicht, es handelt sich zum Teil um Langzeitverträge, die geschlossen wurden und die einzuhalten sind. Letztendlich muss eine kontinuierliche Versorgung sichergestellt werden, aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir in einem Jahr feststellen werden, dass die Importe zurückgegangen sind. Man wird sich also sehr wohl des österreichischen Holzes bedienen, wenn es nun einmal da ist. Aber wie gesagt: Der Preisunterschied ist begründbar und rechtfertigbar, und um ehrlich zu sein: Der Rundholzpreis war auch vor der Sturmkatastrophe eigentlich überhöht. Wir haben versucht, unseren Marktpartnern begreiflich zu machen, dass in Zeiten von stagnierenden Schnittholzmärkten dieser Preis absolut zu hoch war. Sie müssen auch bedenken, dass im letzten Halbjahr kein Sägewerk Gewinne geschrieben hat; die meisten haben sogar tiefrote Zahlen geschrieben. 

Interview: Ralf Ehrgott
Bearbeitung: Andreas Lassnig

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