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Veranstaltungen Text: Victoria Klimpfinger

Transformance Festival im WUK: So geht politisches Theater heute

Von 19. bis 26. Oktober veranstaltet die FLEISCHEREI_mobil einem Streifzug durch künstlerische und politische Projekte aus den letzten zehn Jahren. Ob Workshop, Diskussion, Ausstellung oder Theater – hier findet sicher jeder politisch interessierte Schöngeist sein Gusto-Stück!

© Transformance Festival |

Wo: Projektraum im WUK, Währinger Straße 59, 1090 Wien

Wann: 19. Oktober bis 26. Oktober 2016

Eintrittspreise:
Festivalpass: € 40,-
Performance: € 15,- oder ermäßigt €10,-
Konzert: € 15,- oder ermäßigt € 10,-
Workshop: freie Spende

Kartenreservierung und Workshopanmeldung:
office@experimentaltheater.com
0043 699 1 99 00 952

Theaterkollektiv FLEISCHEREI_mobil

Das Theaterkollektiv FLEISCHEREI_mobil fühlt der westlichen Demokratie auf den Zahn, die mit Schlagwörtern wie Polarisierung, Neoliberalismus und Sparpolitik auf wackeligen Beinen steht. Rund um Jura Soyfers monumentales Dokument des Scheiterns linker Politik „So starb eine Partei“ (1934) und die berühmte soziografische Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ (1933) werden die Möglichkeiten des politischen Theaters in der heutigen Zeit abgetastet und Verbindungen zwischen derzeitigen Krisenszenarien gezogen.

Jura Soyfer: Heute aktuell wie noch nie

Obwohl Soyfers Werk aufgrund seines frühen Todes im KZ-Buchenwald im Alter von 26 Jahren überschaubar bleiben musste, hat es doch bis heute starke Wirkkraft und wurde in stolze 30 Sprachen übersetzt! In seinem Romanfragment „So starb eine Partei“ thematisiert er gesellschaftliche und politische Mechanismen wie die Individualisierung als Gegenbewegung zum utopisch bleibenden Kollektiv und die damit einhergehende Entsolidarisierung, auf die der Abbau des sozialen Gefüges und Radikalisierung folgen. Vor allem aber rechnet er mit einer ideologisch erstarrten Arbeiterpartei und ihrer Passivität ab. In einer Zeit, in der Polarisierung und ein Ausscheren nach Rechts wieder fruchtbaren Boden finden, wird Soyfers Werk damit erschreckend aktuell. Die Adaptierung „Eine fremde Stadt“, die das Transformance Festival zeigt, richtet den Scheinwerfer jedoch vor allem auf die historischen Ereignisse rund um den gescheiterten Arbeiteraufstand am 12. Februar 1934.

Die Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ ist in etwa zur gleichen Zeit wie der Roman entstanden, nähert sich dem Thema allerdings aus soziologischer Sicht: Marie Jahoda, Paul Felix Lazarsfeld und Hans Zeisel konnten zeigen, dass Langzeitarbeitslosigkeit – wohl damals wie heute – nicht zur Revolte, sondern zu Resignation führt. In der multimedialen Performance „Wir sind alle MARIENTHAL!“ werden Textauszüge aus der Studie dem Text „Fair und nachhaltig kündigen“ (2015) der österreichischen Autorin Margit Hahn gegenübergestellt.

Theater im Zeichen der Interkulturalität

Besonders zwei Projekte geben auch denjenigen eine Stimme, über deren Kopf hinweg heute allzu oft diskutiert und entschieden wird: Das Flüchtlingsprojekt „ich möchte bleiben“ ist das Ergebnis eines sechsmonatigen integrativen Workshops im Kloster Stein in Maria Anzbach in Niederösterreich. Beteiligte aus sieben Ländern präsentieren eine interkulturelle Montage aus Text, Musik und Fluchtgeschichten.

Ebenfalls auf interkulturelle und flüchtlingspolitische Fragen ausgerichtet ist das Projekt „AUF ACHSE“ des afrikanisch-europäischen Ensembles, das im WUK-Projektraum und auf einem Teil der Währinger Straße ein Best Of der gleichnamigen Straßenprozession gibt. Es spannt einen Bogen zwischen Kultur, Tradition und Geschichte Afrikas einerseits und Aspekten der aktuellen Asyl- und Flüchtlingsdebatte andererseits.

Kunst und Politik zum Mitmachen

Die FLEISCHEREI_mobil setzt mit dem Transformance Festival ein eindeutiges politisches Zeichen für Veränderung. Dabei ist die Anlehnung ausgerechnet an Jura Soyfer wirklich treffend, wollte er das Theater doch von bloßer Unterhaltung und Ablenkung befreien und zu einem politischen Medium machen. Revolte und Protest sollten nicht auf der Bühne bleiben, sondern auf das Publikum überschwappen und so eine Veränderung einläuten. Diese Grenze zwischen Bühne und Zuschauern hebt auch das Transformance Festival auf: Für alle, die sich nicht nur berieseln lassen, sondern aktiv werden wollen, bietet es Diskussionen und Workshops, die rund um Themen wie Asyl, Marionetten, Kampfkunst und Feminismus zum bunten Mitmach-Spektakel einladen.

Im Workshop „PAPERMAN“ vom Ensemble des Schubert Theaters kreieren Teilnehmende etwa einen individuellen Paperman und erarbeiten gemeinsam eine Szene. Das erlaubt einen kritischen Blick auf Konsum- und Wegwerfgesellschaft sowie eine kreative Perspektive auf den Alltag.

Ins Schwitzen kommt man sicherlich beim Workshop „Theater und Kampf(-Kunst)“ mit Martin Minárik, der körperliche Möglichkeiten des Ausdrucks von Krise, Konflikt und Kampf erarbeitet und anhand des koreanischen Taekwondo vermittelt, wie sich Kampfkunst und Schauspielpraxis verbinden lassen. Um die Wechselwirkung von Kunst und Bewegung in allgemeinerem Sinn geht es auch bei Waltraud Pöllmanns Workshop „Die poetische Wissenschaft der Bewegung“, der Weiblichkeit und Emanzipation nicht erzählen, sondern als Körpererfahrung erleben lässt.

Neben diesen laden noch zahlreiche andere Workshops und Diskussionen zu unterschiedlichen Auseinandersetzungen mit sich selbst und der restlichen Welt ein. Wer sich also bewegen und aufrütteln lassen will, ist am Transformance Festival im WUK genau richtig. Es bittet Kunstfans, Politik-Affine und einfach nur Neugierige zu einem Miteinander, ganz im Sinne des Mottos: „Verändern wir die Welt, sie braucht es!“

Veranstalter: Theaterkollektiv FLEISCHEREI_mobil / Projekt Theater
www.experimentaltheater.com

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