
Zeit, für einen Eintrag in mein Tagebuch….
Ich war Mittwochabend im Konzerthaus. Ich liebe das Konzerthaus. Der wunderschöne Große Saal, die Jugendstilverzierungen, die Luster – schlichtweg eine herrliche Atmosphäre. Es spielte das Wiener Kammerorchester auf und die musikalische Leitung hatte Stefan Vladar über. Er dirigierte und spielte zusätzlich beeindruckend Klavier. Meine Begleitung war – obwohl jung - ein Kavalier, der alten Schule. Ich wurde hofiert und es hat gut getan.
Hat schon was, der Ablauf der Zeremonie, wenn das Kammerorchester den Saal betritt. Alle schwarz gekleidet und die Herren natürlich im Frack. Die armen Musiker, welch Qual sich einen Frack so oft anziehen zu müssen. Wenn danach der Dirigent den Saal betritt. Dem ersten Geiger die Hand schüttelt, abgeht, wiederkommt, sich die Musiker dazwischen niedersetzen, danach wieder aufstehen. Fast komisch.
Ich lauschte den herrlichen Klängen von Beethoven und Mendelssohn-Bartholdy. Es war sehr warm im Konzerthaus und die Bestuhlung ist eng und unbequem, wie in der Oper und in vielen Wiener Theatern. Skurril, denn in diversen Vorstadtkinos liegt man beinahe, in Samt gebettet und schaut sich Filme an, die maximal, drei Stunden dauern. Das ist aber dann schon als „sehr lang“ einzustufen. Opern dauern zwischen 4 und 6 Stunden und da braucht man mitunter eine Gehhilfe, wenn man sich in der Pause aus den unbequemen Sitzen schält.
Trotz der unbequemen Bestuhlung (seltsames Wort, denke ich mir immer wieder) ist man dennoch nicht davor gefeit, kurz, wirklich nur kurz, einzunicken. Gut. Erstens: die Wärme, zweitens: es ist Abend, man ist prinzipiell etwas müde, drittens: man beobachtet den einen oder anderen Zuhörer beim Einnicken. Die Augenlider schließen sich im Sekundentakt, beinah harmonisch mit den jeweiligen Symphonien und irgendwann, bleibt es gänzlich verschlossen, das Auge. Der nächste Schritt ist meist fatal: der Kopf fällt nach vorne. Oft wecken einen die Paukenschläge oder ein Crescendo, schlimm, wenn es erst der Applaus ist.
Apropos Applaus: ich finde es eigentlich seltsam, dass man erst nach dem absoluten Ende applaudiert und nicht nach jeder von den Musikern gehaltenen Pause. Wehe denjenigen, die zum falschen Zeitpunkt applaudieren.
Mein Blick wanderte umher. Ich bemerkte ungefähr 90 Prozent alte Menschen. 10 Prozent waren fünfzig und darunter. Ich frage mich, wer in 10 bis 20 Jahren das Konzerthaus füllen wird. Diese „alte, gut gebildete Generation“ nahm ein Konzert oder einen Theaterbesuch zum Anlass, sich stets sehr elegant zu kleiden, die Künstler damit zu ehren, ihnen damit ihren Respekt auszusprechen. Es gehörte zum guten Ton, Kunst zu konsumieren. Leider reißt das das ab. Ich kenne wenige junge Leute, die sich für klassische Musik interessieren, die gerne und oft ins Theater gehen.
Kino, Pop oder Jazzkonzerte sind da weitaus beliebter. 4-stündige Opern schrecken ja auch ab. Das ist eigentlich nur den Freaks vorbehalten. Gut, nach 1945 gab es auch im Konzerthaus Pop und Jazzkonzerte, um das musikalische Selbstbewusstsein Wiens aufzupäppeln.
In der Pause denkt man, die Zeit sei stehengeblieben. Nicht nur der klassischen Brötchen wegen, mit Mayonnaise, Ei und Petersilblättchen.
Zurück zum Großen Saal. Ich sitze unter einer Parfumglocke. Es ist intensiv, süß und riecht altmodisch. Die Köpfe der Frauen, die ich von hinten betrachten kann sind gut frisiert, meist kurz und mit viel Taft fixiert. Manches Haar hätte sich eine Pause von dem ewigen dauerwellen verdient, das eine oder andere gerne den grauen Nachwuchs gefärbt. Die meisten Herren haben längst resigniert und können mit dem Haarausfall, als auch mit ihrer Partnerin, die sie seit mehr als fünfzig Jahren um sich haben, umgehen. Die Damen lutschen Hustenbonbons und in den kurzen Pausen wird geräuspert und gehustet, wie in einem Sanatorium für Tuberkuloseerkrankte.
Aber am Schluss gab das Publikum alles und trampelte mit den gut beschuhten und bestrumpften Füßen zusätzlichen Applaus. Und das haben sich die Musiker verdient. Allemal.

Permanente Haarentfernung und Hautpflege