Festival: Piercing

Ich besuchte ein Festival der anderen Art. Ein privater 40er, der mit Rockbands, Bier und BBQ gefeiert wurde. Herrlich anders.

Festival

Gestern war ich auf einem Fest der anderen Art. Ein Freund wurde vierzig. Nicht so anders. Stimmt. Das passiert vielen. Und Feste und Partys machen die anderen auch. Aber nicht solche, zumindest nicht in den Kreisen, in denen ich mich hauptsächlich bewege. Leider.

Die Einladung zu dieser Party, die als Studiofestival 2010 angekündigt wurde, hat schon witzig begonnen. Anzugverbot, laute Musik, Bier und BBQ wurde verhängt bzw. angepriesen. Rock vom Feinsten soll uns erwarten. Kein Wunder. Standen ja auch die Alkbottels, Los tres Hombres, die Rock Rules, Innerhirsch, De Cordoba, Minze, Lowbau und Salomon´s Wrong Choice auf der Bühne. Gut. Salomon´s Wrong Choice war auch ein bissl eine wrong choice. Zu wenig rockig, zu oft falsch. Das Fetzigste war seine Haube, die er aufhatte, die Musik eher nicht.

Minze hat sich super behauptet, eine zierliche junge Frauengestalt mit interessanter Stimme, aber die Alkbottels haben alles gesprengt. Da hört man den Qualitätsunterschied. Der neue Sänger ist auch grandios, aber Roman Gregory ist Roman Gregory und der hat auch gesungen. Lässig. Wild und anders eben. Fast ein bisschen ACDC.

Ich käme nicht auf die Idee - beim Autofahren zum Beispiel - mir mal schnell einen Song von Los tres Hombres anzuhören, obwohl die echt gut sind. Das ist Musik, die man live erleben muss – headbanging inklusive. Man muss sich auf dieses Erlebnis einlassen, dann ist es grandios. Die Party fand in einem Fotostudio statt, das sich im Industriegebiet befindet, somit keine Leute stört, die eventuell schlafen möchten. Weil das wäre schlicht unmöglich.

Als ich das private Festival betrat, kam ich vor lauter Staunen gar nicht raus. Ich wusste nicht, wo meine Augen zuerst schauen sollten. Die erste Band war schon am rocken und ich tummelte mich zwischen den lachenden, zum Teil finster dreinsehenden, biertrinkenden Menschen. Ich krallte mir etwas zu essen und stellte mich zusammen mit meinem „Gspritzten“ (weil Bier ist nicht so meins, was haben Sie jetzt gedacht?) an einen Stehtisch. Ich hatte Glück, denn dieser Stehtisch war mit drei lustigen Personen bestückt, die mir sehr sympathisch waren. Diesen Platz sollte ich diesen Abend auch nicht so schnell verlassen.

Einige der Gäste hatten lustige Haarfarben, wo man nicht wusste, ob diese aufgrund eines Malheurs entstanden, oder aber mit Absicht dreifärbig wurden, mit Grünstich versehen oder das Haar komplett im Argen war. Dazwischen aber auch einige Augenweiden in hochhackigen Pumps, knappen Minikleid und Haaren, so lang, dass sie zum Allerwertesten reichten. Diese junge Lady hielt sich den ganzen Abend am extrem tief liegenden Hosenbund eines komplett Tätowierten mit markantem Ohrschmuck (man hätte eine Zigarre durch das Loch durchschieben können, aua) fest.

Da musste ich gleich an mein Erlebnis letzte Woche denken.
Ich war auf der Suche nach einem Juwelier, der mir am oberen Ohr ein sogenanntes Flinserl sticht. Also nicht ins Ohrläppchen – ein Kinderspiel für solch jemanden, sondern im oberen Knorpelbereich. Der Juwelier traute es sich nicht zu und verwies mich an ein Piercingstudio oder zu einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt.

Obwohl mir Tattoos und auch einige Piercings gefallen, wurde mir bei dem Gedanken, dafür in eine Piercinghöhle zu gehen, etwas mulmig. Zumal ich mir eine Stunde vor dem Juwelierbesuch auf der Plattform Youtube ein Video angesehen habe, wo jemanden mit einer Nadel im Knorpelbereich ein Loch gestochen wurde. Hernach bekam das Mädchen ein u-förmiges Metallteil hineingesteckt. Obwohl ich nicht so empfindlich bin, wurde mir beinahe etwas flau. Nach fünf Minuten war das Video auch schon wieder vergessen.

Zurück zum Juwelier. Ich versuchte meine Gedanken zu ordnen (funktioniert grundsätzlich nicht wirklich) und ortete gedanklich ein Piercing- und Tattoostudio. Dorthin machte ich mich auf den Weg. Dort angekommen, musste ich im düsteren Licht ein klein wenig warten. Mein Herz klopfte ein wenig schneller als sonst, so als würde Tom Cruise gleich um die Ecke kommen. Ich hatte Gelegenheit, mir die Vitrinen anzusehen. Ausgestellt waren Piercingteile jeglicher Art und Größe und auch große Klötze, die an Stellen angetackert werden, die ich nicht wissen möchte. Tom Cruise kam übrigens nicht.

Statt seiner erschien eine zierliche von oben bis unten tätowierte weibliche Person, deren Gesicht voller Metall war. Freundlich klärte sie mich auf. Ruck zuck ein Flinserl gestochen kriegen – das spielt es nicht, so ich vernahm. Um wohlfeile 51 Euro kriegt man ein Loch mit der Nadel gestochen. Sofort hatte ich wieder die Bilder von Youtube im Kopf. Teufel aber auch. „Nein, ich überlege es mir noch“, hörte ich mich sagen.

Auf diesem Festival gestern jedoch, hatten dieses Piercings eine Menge Leute. Mal sehen, vielleicht habe ich es ja doch irgendwann einmal. Aber vorher dröhne ich mich mit lauter Rockmusik zu und trinke viel, sehr viel Bier.

Dieses Fest werde ich so schnell nicht vergessen. Olé.

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