Wahrsagerin

Es war ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk einer lieben Freundin. Es war kein glattes ja-ich-will-ich-freu-mich-Gefühl. Es hatte einen unvernünftigen Beigeschmack.

Wahrsagerin

Es ist Zeit, für einen Eintrag in mein Tagebuch ...

Es war ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk einer lieben Freundin. Es war kein glattes „ja-ich-will-ich-freu-mich-Gefühl". Es hatte einen unvernünftigen Beigeschmack. Mein Ratio sagte „nein". Mein Mann schüttelte den Kopf. Und dennoch ging ich hin. Weil es etwas Spannendes hatte. Außerdem war ich noch nie bei einer Wahrsagerin und wer will nicht irgendetwas über sich und sein Leben erfahren. Was soll´s - und eine interessante Kolumne wird es allemal, dachte ich mir.

Die einzigen Informationen, die ich hatte, waren: sei nur ja pünktlich, sie hat zwei verschiedenfarbige Augen und hat schon viel Wahres kundgetan. Also einen guten Ruf hat sie, die Dame.

Ich war pünktlich, die Türe war angelehnt. Ich klopfte zaghaft, um mich doch irgendwie bemerkbar zu machen, doch keiner reagierte. Ich stand wie angewurzelt in einem Vorzimmer, das hell und freundlich wirkte. Es hatte die Anmutung einer Arztpraxis. Alles war sauber und einladend. Ein klein Wenig, aber nur ein klein Wenig eben, waren esoterische Züge zu erkennen. Gerahmte chinesische Schriftzeichen, deren Bedeutung ich nicht kannte. Helle Holzmöbel und Sisalteppiche. Wie gesagt - ich war pünktlich und trotzdem zu früh. Frau L. war noch in einem Gespräch. Ich konnte das Ende des Gespräches mithören. Ich rätselte welche der zwei Stimmen wohl Frau L. gehörte und versuchte mir vorzustellen, wie sie aussah.

Ich hörte wie Frau L. der anderen erzählte, dass sich bereits im Mittelalter die Frauen zur Handarbeit zurückgezogen haben und das eine Art Meditation war. Frau L´s As im Ärmel? Die Handarbeit? Also mich stresst es schon, einen Knopf anzunähen - sprich - bei mir wird dieser Tipp nicht fruchten. Aber was hat das Ganze denn mit Wahrsagerei zu tun?

Die Handarbeitsschülerin war eine biedere Hausfrau in den Fünfzigern, der es sichtlich im Leben zu langweilig geworden ist. Frau L. hingegen wird es sicher nicht langweilig. Dafür sorgt die drahtige kleine, hübsche Frau um die Sechzig sicher selbst. Sie war mir auf Anhieb sympathisch und wir nahmen an einem runden Tisch Platz. Ich kam mir blöd vor, wusste auch gar nicht was ich hätte fragen sollen. Doch die Recherche im Blut, fragte ich sie anfänglich über sie selbst einiges. Wie sie ihre Tätigkeit formuliert, was sie macht. Ob sie nun in die Zukunft schauen kann. Dieses zierliche, energetische Geschöpf gab hoch intelligente Antworten, will sich in keine Nische drängeln lassen, lebt ihren eigenen Vogel aus (Originaltext Frau L.), sieht manchmal Bilder und ist eine erfahrene Lebensberaterin mit extrem guten Gespür.

Ich persönlich habe mir eine schmuddelige, angeräumte, dunkle Altbauwohnung in einer schlechten Wohngegend vorgestellt. Dazu eine stärkere, kleine Frau mit zerzausten, dunklen Haaren, die forsch und eher unfreundlich Antworten gibt. Wahrscheinlich habe ich zu viele Märchenbücher konsumiert.

Mein Gespräch mit Frau L. war erste Sahne. Höchst interessant, sich darauf einzulassen. Jeder, der Probleme welcher Art auch immer hat, oder einfach nur über sich selbst einiges erfahren möchte, kann bestens durch Frau L. beraten werden. Es gibt sicher nicht viele Menschen, solchen Kalibers, die anderen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Die Wahrsagerin, die keine ist, bzw. als solche nicht tituliert werden möchte, sah auch ein, zwei Bilder in meinem Leben, beschrieb mir anhand des Geburtsdatums Menschen, die mir Nahe stehen unglaublich exakt und kam an mich heran, so wie es nur wenige schaffen. Respekt Frau L. Ich bin berührt. Und: danke Freundin, ohne dich, hätte ich Frau L. nicht kennengelernt!

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