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Lifestyle Text: Stadt-Wien.at Redaktion

Hilfe! Ich werde alt

Wir begeben uns in dieser sehr persönlichen Kolumne auf die Suche nach dem Altern. Liegt es nur am älter werdenden Körper oder hat es doch Ursachen, die eher im psychischen und gesellschaftlichen Bereich zu finden sind?

Nun ist es offiziell: Ich werde alt. Diese Erkenntnis - eigentlich die natürlichste überhaupt - kam schleichend. Doch wie komme ich mit 25 Jahren zu dieser Einsicht und weshalb erscheint mir die Angst vor ihr und davor, das Altern könne so weitergehen, relevant genug, einen Text darüber zu verfassen?
Kommt es daher, dass ich Snapchat zwar verstehe, aber den Sinn nicht begreife?
Sind es die Teenager, die mich mit "Sie" ansprechen oder die Älteren und Alten, die mich langsam aber doch als gleichwertig betrachten?
Macht es die Tatsache aus, dass ich inzwischen wie der alte Paul McCartney die immer selben Geschichten von früher erzähle?
Liegt es daran, dass mich meine Freundin, welche fünf Jahre jünger als ich ist, stets "Alter Mann" nennt?
Ist es vielleicht der Sex, bei dem ich etwas mehr röchle und schwitze als vor zehn Jahren?
Das regt vielleicht zum Nachdenken an, ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Es ist die Gesellschaft, die mit all ihren Erwartungen Druck aufbaut. Plötzlich kommt die Mitteilung, man sei für Familienbeihilfe zu alt geworden und ein Blick auf die ÖBB-Vorteilscard legt nahe, dass das Prädikat "Jugend" bald verschwinden wird und die Beiträge dafür steigen werden. Überhaupt scheint es, als würden Vorteile und Vergünstigungen für die kommenden vierzig bis fünfzig Jahre abgeschafft. Auch der Freundeskreis heitert nicht auf. Der größte Teil davon ist inzwischen verheiratet, hat Kinder, ein abgeschlossenes Studium und einen festen Job. Mein Kind ist meine Plattensammlung ist, mein Kapital sind 3.000 Bücher und im Bachelorstudium werde ich wohl auch mit 40 Jahren noch sein. Eine gesellschaftliche Erwartung indes erfülle ich: Ich habe einen festen Job und somit einen Fixpunkt in meinem Leben. Dieser Fixpunkt ist es auch, der offenbar werden lässt, wie gut andere in die gesellschaftliche Norm passen und wie wenig ich dies selbst will und kann. Jean Amery betitelte eines seiner Werke mit "Über das Altern - Revolte und Resignation". Die Resignation, das Aufgeben ist es, wovor ich mich fürchte. Könnte jener Tag tatsächlich kommen, an welchem ich alt geworden bin? Nicht körperlich alt - dies werde ich sowieso und darauf weisen mich meine knacksenden Knie beim morgendlichen Aufstehen täglich hin. Zu sorgen beginne ich mich langsam, dass mich irgendwann auch das gesellschaftliche Altern nicht partiell sondern komplett erreicht und damit auch die Stagnation im Leben und folglich der emotionale Tod.

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