Text: Verena Nussbaumer
Das Freudmuseum – Personenkult für internationale Fangemeinde
Museale Spurensuche ohne modernen Medien-Overkill
Wer in dieses kleine Museum, das von internationalen Besuchern
geradezu gestürmt wird hinein möchte, muß wie damals bei Herrn Prof.
Freud an der Türglocke läuten. Termin bracht man keinen, eine
Vorankündigung wäre nicht schlecht, denn es wird passieren, dass man
auf der Ausstellungsfläche von 300m2, die die ehemalige Wohnung und
Praxis Freuds umfasst, nicht die einzige BesucherIn ist. Gerade Gruppen
ist es dringend angeraten sich voranzumelden, falls sich mehr als 25
Personen ansagen sollten.
Der überaus zuvorkommen Pressesprecher des Hauses, Mag. Nömaier
gibt mir gerne Auskunft über die Besucherzahlen des Hauses vom
letzten Jahr. 70.000 Besucher, internationaler Herkunft, wie ein Blick in
das Besucherbuch, das auf einem alten Stehpult aufliegt, verrät.
Da sind die unterschiedlichsten Eintragungen von Freud-Anhängern zu
finden. Aus Argentinien, viele aus Brasilien, Polen, dem Iran, Schweiz,
Kalifornien, Mexico bis hin zu einem Besucher aus Aserbeidschan.
Die internationalen Flaggen können gehisst werde.
Wie sieht es aber mit dem heimischen BesucherInnen aus, oder den
deutschsprachigen?
Ich erfahre, dass es sich beim Ziel-Publikum um eine junges Publikum
handelt. Vor allem Studentinnen, und versierte Fachkreise aus dem
medizinischen, oder dem Bereich der Psycho-Analyse wären vertreten.
Beim heimischen Publikum kommen Kunstinteressierte, die die
laufenden Ausstellungen schätzen.
Von solch einem Besucheransturm können größere Wiener
Ausstellungs-Häuser wirklich nur träumen, umgerechnet auf die Größe
der Fläche und der wechselnden Ausstellungen des Freud-Museums.
Doch auch heuer ist es bereits spürbar, dass krisenbedingt, Engländer
und Amerikaner, der Berggasse 19 seltener einen Besuch abstatten.
Diese Lücke schließen japanische BesucherInnen deren Interesse sich
zunehmend steigert.
Ausgerüstet mit einer Portion Neugierde auf Veränderung und
Wissensdurst, da auf der Homepage des Hauses zu lesen steht,“ vom
Gedenkraum zum zeitgenössischen Museum“, wollte ich mir ein eigenes
Bild der ehemaligen Freud-Wohnung & Praxis machen. Da mein letzter
Besuch bereits 2 Jahre zurückliegt, bin ich neugierig auf Veränderungen
geworden.
Sigmund Freud, dessen 70.er Todestag sich im Herbst jähren wird, hat
übers sich selbst gesagt, dass er 3 große Leidenschaften habe:
„Das Reisen, das Rauchen, das Sammeln“.
Die letztgenannte war die beste Voraussetzung für die Grundsteinlegung
seiner späteren Museen, denn auch in London gibt es ein Sigmund
Freud Museum, für interessierte Freudianer, befindet sich das dortige
Freud Museum, in 20 Maresfield Gardens. Wer die legendäre Couch des
Meisters in Wien vermutet, wird enttäuscht sein, diese nicht zu finden.
steht sie doch im Londoner Museum. Ein wirklicher Freudianer setzt
diesen Besuch sofort auf seine Museums-Liste.
Freud war ein großer Sammler, vor allem hegte er eine Leidenschaft auf
dem Gebiet der Archäologie. So trug er eine beachtliche Sammlung
antiker Exponate zusammen, mit denen er bei seinen Behandlungen
arbeitete und die er je nach Inspiration häufig umgruppierte.
Das Rauchen hat ihm gesundheitlich zugesetzt, war jedoch aus seinem
Leben nicht wegzudenken. Gleich beim Eingang, im Vorzimmer der
Praxis steht in einer Ecke ein Jugendstil-Aschenbecher aus Kupfer und
Messing. Denn Sigmund Freud rauchte bis zu 25 Zigarren am Tag,
nätürlich nur die Sorte Virgina. Die Messing-Zigarrendose habe ich im
Arbeitszimmer entdeckt, Wiener Werkstätte.
Freuds Anhänger können seine Zigarrenschneider und andere
persönliche Gebrauchsdinge aus nächster Nähe betrachten.
(Freud ist an einer Überdosis Morphium, nach einer schweren
Krebserkrankung am 23. September vor 70 Jahren verstorben.)
Das Museum in der Berggasse 19, im 9. Bezirk wurde 1971 eröffnet. Es
zeigt die ehemalige Wiener Ordination. Dem Bestreben Anna Freuds,
der Tochter, die später selbst Psychoanalytikerin wurde, ist es zu
verdanken, dass die ehemalige Einrichtung des berühmten
Wartezimmers wieder in Wien zu sehen ist.
Der Eingangsbereich des Freud-Museums führt in die ehemalige
Ordination mit einer schalldicht gepolsterten Doppeltüre!.
Zwei der einstigen Praxisschilder legen davon Zeugnis ab.
Der museal gestaltete Vorraum zeigt in einer Glasvitrine Koffer Freuds
und 1 Tasche, auch sein Gehstock, Hut und Mütze sind zu sehen.
Nicht zu vergessen der große Kabinenkoffer, der zuletzt von Freud bei
seiner Emigration benutzt wurde.
Nach Freuds Tod, im September 1939 ist es den intensiven
Bemühungen, der jüngsten Freud-Tochter Anna zu verdanken, dass der
Zustand der letzten Wohnung Freuds in London unverändert erhalten
blieb.
Doch zurück in das Wiener Freud Museum.
1986 wurde das Wiener Museum erstmals vergrößert, denn die
ehemaligen Privatwohnung, in der sich heute die umfassende Bibliothek
befindet konnte von der Sigmund-Freud-Gesellschaft erworben worden.
Sie liegt gegenüber der einstigen Ordination.
1992 kam dann das ehemalige Arbeits-und Wohnzimmer, wie auch die
Anna-Freud-Gedenkräume in Museumsbesitz. Seit 2006 gehört der
Stiftung, die das Museum betreibt das gesamte Haus.
Anlässlich Anna Freud’s Todestages wurden 1992 die Anna-Freud-
Gedenkräume im Freudmuseum eröffnet, als neuerliche Ergänzung des
Raumkonzepts.
Das modernste in diesem kleinen Gedenkmuseum ist der so genannte
Medienraum. Auf vier kleinen Monitoren werden Bild- und
Tondokumente, die den Lebensalltag Freuds zeigen, privates
Filmmaterial abgespielt, allein die Sessel, pardon Sitzelemente sind in
modernerem Design gestaltet.
Doch macht die Freundlichkeit der MitrbeiterInnen des Hauses
technische Neuerungen und mediales Equipment, wie „hands-on“ wett,
die BesucherInnen zu partizipierenden BesucherInnen machen könnten,
alle denen die Interaktivität suchen, werden hier notgedrungen
angehalten, sich zu entschleunigen. Denn ein Besuch des Hauses,
versetzt jeden, der dazu bereit ist in Freuds Zeit zurück. Denn auf
Originalität, im Sinne von Ursprünglichkeit wird gebaut.
47 Jahre lebte und arbeitete Freud, der 1859 geboren wurde, in den
Räumlichkeiten der Berggasse 19. Die Adresse selbst ist eine der
bekanntesten weltweit geworden. Denn in diesem bürgerlichen
Gründerzeithaus verfasste Freud, in seinem Arbeitszimmer
bahnbrechende Werke, wie die Traumdeutung, oder Totem und Tabu
und nahe zu all seine psychoanalytischen Schriften. Das zentrale Werk
der Traumdeutung ist 1900 erschienen.
1938 mußte Freud emigrieren. Anna Freud, ihre Mutter und Tante
konnten ihn begleiten. Seine Flucht wurde vorbereitet und war
privilegiert. Denn Freud konnte Teile seiner Bibliothek, wie die gesamte
Einrichtung, seine antiken Exponate und persönliche
Gebrauchsgegenstände mitnehmen, die alle sorgfältig in Kisten verpackt
wurden. Wer die Kisten bepackt hat, ist bis heute ungeklärt und wäre von
historischer Seite noch zu ergründen.
(Die Bibliothek wurde ab dem 9. Juni 2009 wieder eröffnet, jeden
Dienstag von 10 – 18 Uhr, auf Wunsch kömnnen auch außerhalb der
öffnungszeiten Termine vereinbart werden)
Kurz vor der seiner Emigration bestand Freud darauf, dass von allen
Räumen der Wohnung Photos angefertigt wurden, die den ehemaligen
Zustand zeigen sollten. Das war von ihm sehr vorausschauend in
Hinblick auf die spätere Einrichtung eines Museums.
So wurde vom Fotografen Edmund Engelmann eine einzigartige
Fotodokumentation geschaffen, die einen optisch, nachhaltigen Eindruck
von Freuds Behandlung- und Wartezimmer vermittelt.
Entlang der Wände sind Engelmann’s Großfotografien montiert, um
einen originalen Eindruck zu vermitteln, wo die absenten Möbel
gestanden sind.
Danach durfte Freuds Schwiegersohn die fotografische Dokumentation
übernehmen. Wahrscheinlich ist das ein Grund, warum Freud auf diesen
Fotos eher grimmig aussah.
Die Aufbereitung von Schriftdokumenten, Objekten, Fotos und
persönlichen Gegenständen, die den Lebens- und
Schaffenszusammenhang Freuds näher bringen, ist chronologisch, fein
säuberlich nummeriert.
Wer sich nicht nur für die ständige Schausammlung interessiert, kommt
beim Besuch der kunsthistorischen Wechselausstellungen, die im
psychoanalytischen Kontext stehen, auf seine Kosten.
So ist ab dem 11. Juni die gezeigte Ausstellung „Eros & Thanatos –
Triebe, Bilder & Deutungen zu empfehlen. In der Berggasse 19 erhält die
BesucherIn einen Überblick über künstlerische Darstellungen im Bereich
der Triebtheorie, die Freud in seinen Arbeiten einbezog. Zu sehen sind
Werke von Klimt, Schiele bis Dürer, aus den Beständen des
Kuperstichkabinetts der Akademie der bildenden Künste und des
Liechtensteinmuseums.
Neu ist die erstmalige Kooperation mit dem nahe gelegenem
Liechtensteinmuseum, der wahrscheinlich weitere folgen werden. Dort
werden in Ergänzung in einem prunkvollen Bibliotheksraum Arbeiten
zum obigen Thema aus unterschiedlichen Epochen gezeigt, die meisten
sind im Besitz des Fürsten von und zu Liechtenstein.
Die Direktorin des Hauses, Frau Dr. Inge Scholz Strasser ist von der
häuserübergreifenden Präsentation sehr angetan, ist dies doch ein
positives Signal nach außen, das einen weiteren Impuls in der
kunsthistorischen Diskussion um die Zeit Sigmund Freuds setzt.
Die geschulte, kritische MuseumsbesucherIn tut gut daran, sich hier zu
sammeln, sich Zeit zu nehmen, da allein die Aufbereitung der
dargestellten Exponate nicht gerade zeitgemäß ist. So wird man zwar bei
einer sehr freundlichen Dame am Empfang, bei der es das Ticket gibt,
mit einem A5 Ringbüchlein ausgestattet, in dem feinsäuberlich
nummeriert alle Gegenstände aufgelistet sind. Das bedeutet aber, dass
es etwas mühsam ist, diese nach der Auflistung zu finden und zu
vergleichen. Die BesucherIn muss nahe an die Vitrinen gehen, aufgrund
der Lesbarkeit der Beschriftungen.
Am Vermittlungskonzept könnte noch erweitert werden, da es sicher
spannend wäre, mit interaktiven Führungen dem Publikum das Leben
und die Arbeiten von Sigmund Freud näher zu bringen.
Ob das Gründerzeithaus irgendwann barrierefrei zugänglich sein wird, ist
zu hoffen, für den Einbau eines Lifts fehlen die notwendigen Geldmittel.
Gerade bei einem Museum, im medizinisch-analytischen Bereich, sollte
das keiner Erwähnung mehr bedürfen, bei einer Nachfrage wird man auf
den Umbau vertröstet.
So ist auch im Mobilitätsführer WIEN zu lesen, dass man zwar einen
Blindenhund mitnehmen kann, doch die 37 Stufen sind ohne Lift für
gehandicapte Personen nicht zu meistern, auch gibt es in der
ehemaligen Freud-Wohnung einige Engstellen. So befindet sich die mit
57 cm engste Durchgangsbreite im Wohnzimmer. Dies ist für
RollstuhlfahrerInnen nicht zu bewältigen (Leider hat das kleine Haus
auch keinen Ersatzrollstuhl als Serviceleistung anzubieten).
Der Besuch des Freudmuseums beinhaltet eine Zeitreise und lädt ein
sich in Details des Lebes- und Lebenswerks von Sigmund Freud zu
vertiefen. (Im kleinen, aber gut sortierten Museumsshop findet sich für
jeden Freud-Anhänger die richtige Literatur)
Auf jeden Fall ist das Gehen durch die Schauräume des Hauses eine
Wohltat. Das Museum setzt sich vom Einheitsbrei moderner
Museeumsarchitektur und Hallenoptik konkurrenzlos ab.
Freuds Hauptwerke sind:
1900 "Die Traumdeutung", 1913 "Totem und Tabu", 1921 "Massenpsychologie und Ich-Analyse", 1923 "Das Ich und das Es", 1927 "Die Zukunft einer Illusion", 1930 "Das Unbehagen in der Kultur"
Sigmund Freud Museum Wien
Berggasse 19, A-1090 Wien
T: +43-1- 319 15 96
F: +43-1- 317 02 79
office@freud-museum.at
Öffnungszeiten
täglich 9.00-17.00 Uhr
5.5.-5.11.2006: täglich 9.00-18.00 Uhr
Sonderausstellung: Die Couch. Vom Denken im Liegen
Führungen
gegen Voranmeldung
Eintritt: 8 Euro (diverse Ermäßigungen)

In der Wiener Albertina gibt es regelmässig interessante Ausstellungen, die einen Besuch rechtfertigen.
Das Kunsthaus Wien weiß seit Jahren durch spektakuläre Ausstellungen und Events zu überraschen.
Im Mozarthaus Vienna werden sowohl Ausstellungen als auch klassische Musikkonzerte berühmter Komponisten angeboten.
Das Liechtenstein Museum in Wien bietet neben langfristigen Ausstellungen auch Events und Sonderausstellungen an.
Wer an Ausstellungen über die Geschichte der Stadt Wien Interesse hat, ist beim Wien Museum an der richtigen Adresse.
Das kunsthistorische Museum (KHM) ist durch seine spannenden Ausstellungen weit über die Grenzen Österreichs hinaus ein Begriff.