Literatur

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Kurzgeschichte der Woche

DER SCHWIMMER

von Erich Kozubek

Als ich die einmal tapsenden, dann wieder schlurfenden Schritte hinter meinem  Rücken wahrnahm, schien es mir, als würde ich aus einem Traum erwachen, obwohl ich auf einer harten, grünen Bank saß und die kühle Meeresbrise durch mein Haar fuhr. Seit einer Stunde war mein Geist in den Anblick der halbkreisförmigen Bucht von Kilkee, des von der Morgensonne bestrahlten Sandstrandes und der unermüdlich heranrollenden Wellen des Ozeans versunken.
   Ohne mich zu beachten, schlichen zwei Menschen an mir vorbei. Der schon sehr betagte Mann, eingehüllt in einen himmelblauen Bademantel, stützte sich schwer auf eine Frau, die ein einfaches, weißes Leinenkleid trug. Wortlos, aber unaufhaltsam, trippelten die beiden über die Betonstufen zum  Strand hinunter. Obwohl im Schneckentempo unterwegs, machten sie den Eindruck, als folgten sie einem magischen Befehl.
   Es war mir peinlich, diese gebrechlichen Leute zu beobachten, so ließ ich meine Blicke wieder über die Bucht hinweg zu den Häusern der kleinen Stadt schweifen. Kilkee lag noch im Schlummer. Kein Mensch, kein Hund, kein Auto war zu sehen. In Irland beginnt das Leben eben nicht mit dem ersten Hahnenschrei. Auch in unserem, nur fünf Minuten entfernten Ferienhaus mit seinen rüschenverzierten Vorhängen und Bettdecken lag die Familie noch im Schlaf; doch bald  würde das Klappern des Frühstückgeschirrs und fröhliches Kinderlachen das kleine Haus zum Leben erwecken.
   Es war Ebbe; wollte man um diese Zeit baden, mußte man dem Meer "nachlaufen". Und die zwei Alten schlichen ihm nach.  Wie Miniaturen nahmen sie sich aus - da draußen. Und nun blickte ich über sie hinweg, durch den felsenumrahmten Ausgang in die Weite des Atlantiks. Was hatte mein achtjähriger Enkel gerufen, als er gestern auf einer steilen Klippe gestanden war? Groß vor Wichtigkeit waren seine Augen gewesen, als er in den Wind brüllte, er habe die Freiheitsstatue von New York gesehen! Erbost war er über mein Gelächter. Seine Phantasie war sicher durch den Text  der Werbetafel eines Pubs angeregt worden, der besagte, das nächste Glas Bier wäre erst wieder in New York zu bekommen.
   Spindeldürr, den weißhäutigen Körper nach vorne geneigt, ging der Alte jetzt durch das knöcheltiefe Wasser, nachdem er sich seines Bademantels entledigt hatte. Wie eine Statue stand die Frau im Sand, den Bademantel des Gefährten über den Unterarm geschwungen, und beobachtete die Szene. Ich hielt den Atem an; wollte dieser alte, gebrechliche Mann tatsächlich in das vielleicht siebzehn Grad kalte Wasser schwimmen gehen?  - Er wollte..
   Hoffentlich ertrinkt er nicht, dachte ich. Noch immer war keine Menschenseele außer uns dreien in der Bucht zu bemerken. Ich als Rettungsschwimmer? Na, gute Nacht! - Leichtfüßig wurde der alte Herr, als ihm das Wasser schon über die Knie schwappte. Nun schlich er nicht mehr, sondern  bewegte sich rasch in Richtung  New York. Vor meinen Augen vollzog sich eine Verwandlung; aus dem Greis wurde ein bewegliches, hüpfendes Kind.
   Da breitete er seine Arme aus - und schwamm! Die erste große Welle rollte heran - auf ihn zu. Ich zwang mich, sitzenzubleiben. Meine Beine wollten losrennen, hinunter zum Strand, hinaus in den Ozean; das Meer wird den Alten verschlingen! Doch der Brustschwimmer glitt wie ein Blatt über Welle und Welle, strebte mit kräftigen Tempi weit, weit  hinein in den Atlantik; hatte er gar vor, bis zu den Wellenbrechern am Eingang der Bucht zu schwimmen? Nein, das nicht; einen großen Bogen zog er durch das kalte Wasser. Der muß doch frieren, dieser knochendürre Mann! Leider konnte ich seine Gesichtszüge nicht erkennen - viel zu weit weg war er. Und die Frau, mit den aufgesteckten, langen grauen Haaren, stand noch immer unbeweglich auf ihrem Platz. Nur der Wind machte aus ihrem Kleid ein weißes Segel.
   Sehr alt und gebrechlich sah der Schwimmer wieder aus, als ihm die Frau nach einer halben Stunde in den Bademantel half, sich bei ihm einhängte, um ihn zu stützen. Wie festgenagelt saß ich da, wußte, daß der Kaffee schon auf mich wartete, konnte nicht fort, weil ich die Szene bis zum Ende miterleben wollte. Da sitzt du am westlichen Ende des Kontinents, bist dir dieser  großartigen Tatsache bewußt, aber was machst du? - Schaust einem alten Mann beim Schwimmen zu.
   Endlich hatten die beiden die letze Betonstufe geschafft und kamen auf mich zu. Jetzt nahmen sie mich wahr. Ihre alten Gesichter erstrahlten in einem kindlichen Lächeln. Die wasserblauen Augen des Mannes sahen mich an, als eine eilige Wolke die Sonne verdunkelte und sofort leichter Nieselregen zur Erde schwebte.
   "It´s a lovely day", sagte er mit einer Stimme, die schon wieder zum Knaben hin mutierte. Die Frau nickte stumm, um die Worte zu bestätigen.
   "Yes...indeed!" brachte ich mit Mühe heraus.                           

 

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