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Tizian

Tizian: Bis 6. Jänner wird im KHM eine einmalige Ausstellung über das späte Werk des größten Künstlers der venezianischen Malerei der Renaissance geboten.

Kunst und Sinnlichkeit

Der späte Tizian und die Sinnlichkeit der Malerei – eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museum

Im KHM wird bis 6. Jänner 2008 eine einmalige Ausstellung über das späte Werk des größten Künstlers der venezianischen Malerei der Renaissance geboten, der, fast neunzigjährig, 1576 an der Pest in Venedig verstarb. Das Thema, das schon die zeitgenössischen Sammler und Kenner zu unterschiedlichsten Überlegungen und Beurteilungen geführt hat, beschäftigt gerade in den letzten Jahren die Forschung wieder neu und hat so zur aktuellen Schau geführt. Anhand von circa 60 Gemälden, davon über 30 Leihgaben, wird Tizian und seine großartige Kunst in seinen letzten 25 Schaffensjahren präsentiert, deren pure Ästhetik und Sinnlichkeit bei gleichzeitiger Modernität im künstlerischen Umgang mit der Materie überrascht und fasziniert. Die Ausstellung Tizian soll nicht nur Anlass zu genussvoller Kontemplation sein, sondern auch Anregung zur Anteil- oder auch Teilnahme an der vieldiskutierten Problematik des sogenannten Altersstils Tizians.

Die Hängung der Bilder ist an deren Ikonographie orientiert, der größte Raum ist dem zentralen Element der Mythen, Poesien und Historien gewidmet. Mit den Gemälden wie der Danae, der Lucretia, der Diana und der Venus vor dem Spiegel oder mit Amor und Mars wird die Frau in ihrer sinnlich-erotischen Gestalt thematisiert, deren Darstellung einen zusätzlichen Reiz darin erhält, dass Tizian den Betrachter zwischen den Rollen als Außenstehender und als Voyeur wechseln und changieren lässt. Zugleich stand weibliche Schönheit in der zeitgenössischen Kunsttheorie gleichnishaft für die Schönheit der Kunst an sich, womit der augenscheinlichen Profanität des Themas auch philosophische Tiefe verliehen wird.

Die im Titel der Ausstellung angesprochene Sinnlichkeit offenbart sich, wenn auch in anderen Facetten, so doch genauso in den Porträts und sakralen Bildern, wie etwa ganz explizit an der Gestalt der Maria, eigenartig beleuchtet und bewegt im Affekt, in der großen Verkündigung aus der venezianischen Kirche San Salvador. Verschiedene Darstellungen Christi drücken ergreifendes Gefühl und religiöse Verinnerlichung aus.
 
Die Exponate werden von Präsentationen naturwissenschaftlicher Untersuchungen begleitet, die die aktuelle Diskussion um die zugrunde liegende Bedingtheit der malerischen Technik von Tizian in seiner Spätzeit unterstützen. Röntgenaufnahmen und Infrarotreflektographie geben Aufschluss über die Arbeitsmethode und zeigen die Vielfalt in der malerische Vorgangsweise des Künstlers Tizian, verschiedene Bildpartien in flexibler Manier, in feinst abgestuften Farbnuancen mit ruhiger, subtiler Malweise wurden im Voranschreiten des Arbeitsprozesse wiederholt korrigiert und modifiziert. Durch seine im 16. Jahrhundert revolutionäre offene Maltechnik wird die harmonisch geschlossene Farbfläche in kleinste Fragmente zerrissen, oft mit sichtbarem Pinselduktus voller energiegeladener Vehemenz, dann wieder nur andeutend, umschmeichelnd. Vor allem die Oberflächen der Inkarnate sind mit lockerer Malweise gefühlvoll erfasst und - besonders die Frauenkörper – zu jener Sinnlichkeit formuliert, deren Qualität schon zeitgenössische Kritiker frappierte und zugleich faszinierte.

Bis heute entwickelt sich eine Diskussion um die Frage nach der Vollendetheit einzelner Gemälde, um deren Eigenhändigkeit und vor allem um die Bedingtheit des sogenannten Altersstils. War die expressiv anmutende Malweise durch physisches Gebrechen bedingt oder intendiert? Handelt es sich um unvollendete Zufallsprodukte oder birgt sie philosophische Potenz, humanistische, kunsttheoretische oder menschliche Erkenntnisse? Hat seine Kunst aus auserlesenen Erfahrungen das Wesentliche des Menschlichen, als ein Spannungsfeld zwischen Geistigkeit und Sentiment erfasst und zu jener künstlerischen Vision verdichtet, die uns so unmittelbar anspricht und doch vor Rätsel stellt? Die Ausstellung bietet jedem Besucher die Möglichkeit nach hoher Kunsterfahrung auch selbst darüber zu reflektieren und sich ein Urteil zu bilden, über das künstlerische Vermächtnis des TIZIAN.

Autor: Margareta Sandhofer

Abbildungen:

Danae
Copyright: Museo del Prado, Madrid

Verkündigung
Copyright: Chiesa di San Salvador, Venedig

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