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Phantastischer Realismus

Im Belvedere ist mit der Wiener Schule des Phantastischen Realismus von 20.Mai bis 14. September 2008 einem spezifisch wienerischem Phänomen des 20. Jahrhunderts eine Ausstellung gewidmet.

Phantastischer Realismus

Phantastischer Realismus ist die aktuelle Ausstellung im Belvedere.

Mit der Wiener Schule des Phantastischen Realismus von 20.Mai bis 14. September 2008 ist im Unteren Belvedere einem spezifisch wienerischem Phänomen des 20. Jahrhunderts eine Ausstellung gewidmet. Die Malerei der Phantastischen Realisten, obwohl neben Jugendstil und Wiener Aktionismus zu den bedeutendsten Exportartikeln aus dem Bereich der österreichischen bildenden Kunst zu zählen, findet gerade an ihrem Entstehungsort bislang nicht die gebührende Würdigung.

Die enge Verbundenheit mit Techniken, Stil und Themen der Alten Meister, das Darstellen von gegenständlich erfassbaren Motiven, die sich eng auf die Tradition der Kunstgeschichte beziehen, war von Kritikern und dogmatischen Vertretern der Gegenfraktion, die der abstrakten Malerei allein das Prädikat der Modernen zugestehen wollten, jeher als Schwäche der Phantastischen Realisten angekreidet. Die wirkliche künstlerische Leistung und Feinheit der Pointe wurde in oberflächlicher Betrachtungsweise oft übersehen.

Eben zu jener gebührenden Anerkennung zu verhelfen, ist die Absicht der Direktorin des Belvedere, Agnes Husslein-Arco, die die Exponate der Ausstellung in Zusammenarbeit mit den großen Meistern persönlich ausgesucht und gehängt hat.

 

Bis auf den 1995 verstorbenen Rudolf Hausner sind die Hauptvertreter der Phantasten nach wir vor von einer ungebrochenen Produktivität und erfreuen sich und ihre Umwelt mit einer lebensbejahenden Vitalität. Die wichtigsten Werke von Rudolf Hausner, Ernst Fuchs, Anton Lehmden, Arik Brauer und Wolfgang Hutter bilden das Kernstück der aktuellen Ausstellung, einige davon sind von den Künstlern aus ihren Privatsammlungen zu Verfügung gestellt worden.

Die Schau im Unteren Belvedere konzentriert sich auf die ersten zwei Jahrzehnte des Phantastischen Realismus, 1945 bis 65, ihre Wurzeln und Kontext in der Kunstgeschichte. Wesentlicher antreibender Faktor war die Persönlichkeit von Albert Paris Gütersloh, einerseits als Professor vieler der späteren Phantasten auf der Akademie der bildenden Künste, andererseits als Gründungspräsident des Art-Club, wo sich zwischen 1947 und etwa 1955 im legendären sogenannten Strohkoffer, im Untergeschoß der American Bar von Adolf Loos, eine dogmatische Vielfalt der modernen Wiener Künstlerszene versammelte. Realisten und Surrealisten, Kubisten und Expressionisten stellten ihre Werke nebeneinander aus.

Schrittweise kam es zur Aufspaltung zwischen abstrakten und nicht abstrakten Künstlern. Den angehenden Phantasten erschien das Programm des Art-Club zu unverbindlich, sie formierten sich um Ernst Fuchs und präsentierten sich mit einer provokanten, Aufsehen erregenden Inszenierung im März 1951 als Hundsgruppe - darunter auch Arnulf Rainer und Maria Lassnig, die später eine ganz andere Richtung der Malerei einschlagen sollten. Als 1959 / 60 im Belvedere die erste museale Ausstellung des Phantastischen Realismus stattfand, erlangte dieser als Andere Seite der modernen Malerei weltweite Aufmerksamkeit. Als Gegenthese zur informellen Malerei bot er eine Option zum inzwischen eingeengten Moderne-Begriff, wie er - unter anderem durch den internationalen Einfluss von den USA und Frankreich bedingt - in weiten Kreisen von Künstlern und Intellektuellen stark verbreitet war.

Die aktuelle Ausstellung im Belvedere beginnt proklamatisch mit der Gegenüberstellung von exemplarischen Werken des Phantastischen Realismus mit Beispielen aus bestimmten Epochen der Kunstgeschichte. Vor allem der Manierismus des 16. Jahrhunderts, der selbst schon klassische Formen aufgenommen und neu verarbeitet hatte, inspirierte die jungen Wiener Künstler mit seiner Fülle an bizarren Themen, wie etwa die Komposit-Porträts Arcimboldos und seiner Nachfolge, die gelängten und verzerrten Figuren Bartholomäus Sprangers oder die kuriosen Erfindungen von Hieronymus Bosch. Auch der Surrealismus der 1930er Jahre wurde als Quelle nutzbar gemacht, wie Werke von Giorgio de Chirico oder Salvador Dali neben solchen von Rudolf Hausner veranschaulichen. Im Weiteren werden die fünf Hauptvertreter des Phantastischen Realismus mit Hauptwerken präsentiert: So kann die Kunst von Rudolf Hauser, Ernst Fuchs, Anton Lehmden, Arik Brauer und Wolfgang Hutter, ihre spezifische Technik und Stilistik eingehend betrachtet werden. Die ausgewählten Themen sind Sakrales und Mystisches, Natur und Landschaft, Allegorie und Erzählung, die Bühne, das Labyrinth und vor allem der Mensch, dessen Darstellungen in Porträts und Phantasien.

Die Meister des Phantastischen Realismus bedienten sich alter Stoffe aus der Tradition der Kunstgeschichte und belebten sie mit neuartigem Sinn und Inhalt. Deren gezielte Verarbeitung entsprach einer bewussten Strategie zur Abgrenzung gegen die von der Elite der Kunstwelt bevorzugte abstrakte Malerei und zur Provokation. Auch heute stellen sich die großen Meister selbstbewusst hinter ihre technisch perfekten und feinsinnigen Malereien um sich mit Humor und Ironie von der aktuellen Tendenz der Künstler und Vorliebe der Gesellschaft für ungegenständliche Kunst zu distanzieren, von jener - von Anton Lehmden verschmitzt lächelnd so bezeichnet - Übersättigung von dekorativer Gestaltung einer gewissen Fläche.

Autor: Mag. Margareta Sandhofer

Ausstellungstitel: Phantastischer Realismus

Ausstellungsort: Unteres Belvedere, Rennweg 6, 1030 Wien

Ausstellungsdauer: 20. Mai bis 14. September 2008

Öffnungszeiten: täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch 10 bis 21 Uhr.

Eintrittspreis: Kombiticket € 12,50. Unteres Belvedere, Orangerie, Prunkstall € 9,50.

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Korrektur meines Kommentars: Rudolf Hausner verstarb 1995, also es waren Vier von den Fünf bei der Eröffnung anwesend. 2014 wäre Rudolf Hausner 100 Jahre alt, aber davon hörte man nicht viel in Österreich - die einzige Ausstellung zu seinem 100 jährigen Geburtstag fand in Deutschland statt: Museum Würth in Künzelsau, November 2014 - Juni 2015.

, 17.02.2016 um 19:18

Es ist nur schade dass das Belvedere diese Ausstellung nicht mehr in ihrem Archiv aufzeigt. Deshalb hoffe ich dass dieser Beitrag hier - der einzige gute den man jetzt am Internet über diese Ausstellung finden kann - nicht auch gelöscht wird! Nach dem Ableben von Ernst Fuchs, eigentlich auch schon vorher, hätte sich dieser großartige Maler auch eine große Einzelausstellung verdient. Arik Brauer war letztlich der Einzige im Leopold Museum (Februar 2015). Die letzten Vertreter der Wiener Schule die noch am Leben sind: Arik Brauer und Anton Lehmden. Ich habe die Katalogeinträge zu dieser Ausstellung im Belvedere (wo ja noch Alle Fünf anwesend waren) empfunden als wäre dies das letzte Hurrah. Zwischen den Zeilen habe ich das Gefühl gehabt: "Jetzt noch mal zum Abschluss, und dann brauchen wir uns mit dem nicht mehr abgeben". Das ist natürlich mein persönliches Gefühl gewesen, und ich könnte mich ja irren - es würde mich sehr freuen wenn dieses überzeugend wiederlegt wird!

, 13.02.2016 um 21:58
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