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Interview mit Kunsthalle Wien Direktor Dr. Matt

Interview mit Mag. Dr. Gerald Matt, Direktor der Wiener Kunsthalle Karlsplatz und Museumsquartier

© Kunsthalle Wien/Nielsen | Dr. Gerald Matt - Direktor der Kunsthalle Wien

Stadt Wien.at:  Herr Direktor Dr. Matt, Sie sind seit 1997 Direktor der Kunsthalle Karlsplatz, was konnten Sie in dieser Zeit bewegen?

G. Matt: Es ging mir vor allem darum zu beweisen, dass es auch in Wien – der Stadt des Theaters, Musik und Tradition – ein Publikum für zeitgenössische Kunst gibt.  Mein Anliegen war es nicht einen weiteren traditionellen Elfenbeinturm für eine Handvoll „Initiierte“, Eingeweihte aus dem Kulturbetrieb zu schaffen, sondern einen lebendigen Platz für alle Menschen, die an zeitgenössischer Kunst interessiert sind und die anderen darauf neugierig zu machen.

Stadt Wien.at:  Und wie kann man die Menschen darauf neugierig machen?

G. Matt: Indem man aufzeigt, dass Kunst, insbesondere zeitgenössische Kunst unmittelbar mit dem Leben zusammenhängt und Themen diskutiert, die den Menschen aktuell unter den Fingern brennen, die Probleme unserer Gesellschaft widerspiegelt, dass sie nicht nur anstrengend, sondern auch unterhaltsam, politisch relevant sein kann und einem vor allem auch von den gewohnten Gedankenmustern abbringen und dazu anregen kann, die Dinge zu hinterfragen.

Stadt Wien.at:  Was hat sich in den rd. 15 Jahren seit Sie die Kunsthalle leiten daran geändert wie zeitgenössische Kunst den Menschen näher gebracht wird? Gibt es einen Fortschritt wie Kunst von den Künstlern zum Publikum transportiert wird?

G. Matt: Man müsste hier noch weiter zurückgreifen, bis in die 60er, 70er Jahre, da ab damals die Menschen mehr – wenn auch nicht unbedingt bessere – Bildung genossen haben. In dieser Zeitspanne haben, Utopien und Religionen an Bedeutung verloren und die Menschen suchen nun nach anderen Sinnstiftungsmodellen. Bildung, Sinnsuche und mehr Freizeit spielen eine Rolle und haben einen regelrechten Boom auf die Museen und somit auch auf die zeitgenössische Kunst ausgelöst, die damit aus dem kleinen isolierten Zirkel der Eingeweihten heraustreten konnte.  Damit musste sich auch das Selbstverständnis der Museen ändern – weg von einem Ort, an dem die Mitarbeiter wie Mönche in einem Kloster betrachtet wurden, die den wenigen auserwählten Besuchern Geheimlehren weitergaben – hin zu einem Ort an dem künstlerische Ideen präsentiert und kommuniziert werden wollen. Zu den Kernaufgaben es Museums, nämlich dem Sammeln und Bewahren, kam eine Öffnung nach außen (das bedingt auch besucherfreundliche Öffnungszeiten, - Personal und gastronomischen Angeboten bis hin zu einem Bookshop) hinzu. Dementsprechend bedeutend wurde aber auch Vermittlung und Marketing. Um den neuen Bedürfnissen des Publikums Rechnung zu tragen, sind auch neue Häuser – wie auch die Kunsthalle Wien – entstanden. Häuser, deren Schwergewicht auf Ausstellen, Vermitteln, ja sogar auf der Kunstproduktion selbst lag. Und gerade unseren Vermittlungsauftrag haben wir ernst genommen. Ich denke, als Kunsthalle haben wir in den letzten Jahren laut und deutlich, aber auch klar und verständlich gesprochen.

Stadt Wien.at:  Welche Akzente wollen sie in der nächsten Zukunft verstärkt setzen?

G. Matt: Wir werden vor allem die thematische Ausrichtung des Hauses vorantreiben, d.h. Menschen mittels spezieller Themen, die über die enge Kunstszene hinaus Interesse finden an die zeitgenössische Kunst  heranführen. So hatten wir z.B. eine Ausstellung zum Thema Krieg oder zur E-Gitarre (Ausstellung „Go, Johnny, Go“), die als Symbol für die Jugendbewegung und den Widerstand gegen eine überholte gesellschaftliche Ordnung stehen. Im kommenden Jahr werden wir eine Ausstellung über die großen und kleinen Träume der Menschen zeigen. Dazu gehört der Traum der Eroberung des Alls, der Traum vom Leben im Weltraum, ja der Traum eines anderen Lebens außerhalb unseres Planeten, letztlich auch der Traum von einem besseren Leben. Dann widmen wir uns auch der Idee des Surrealen, machen eine zeitgenössische Hommage an den Künstler und Traumjongleur Salvadore Dali. Zu den kleinen Träumen zählt aber auch die Mode, der Versuch der Menschen besser und schöner auszusehen, den wir mit den Ausstellungen „Vanity Fair“ und „No Fashion, please“ aufgreifen werden. Also auch 2011 geht es uns darum, über Themen den Menschen zeitgenössische Kunst näher zu bringen. Für die Kunsthalle gilt letztlich die Devise:  nicht populäre Programme zu machen, sondern durchaus schwierige, oft irritierende, aber gerade deswegen spannende Programme populär zu machen.

Stadt Wien.at:  Wie wichtig ist die Autonomie bzw. die Kunsthalle autonom zu führen und wie haben Sie es geschafft das Haus praktisch unabhängig führen zu können?

G. Matt: Das ist das um und auf. Kunst kann nicht Erfüllungsgehilfe politischer, wirtschaftlicher oder sonstiger Interessen sein. Wichtig ist, dass eine Kunsthalle oder ein Museum auch eine utopische Welt darstellt, das heißt, dass sie die Wirklichkeit nicht nur repräsentiert, sondern sie wendet, auf den Kopf und auch in Frage stellt. Das kann ein Museum nur dann, wenn es von politischer, direkter Einflussnahme freigestellt ist. Für die Kunsthalle ist uns das sehr gut gelungen. Wir sind sowohl bei den Inhalten als auch bezüglich der Führung unserer Geschäfte gänzlich autonom.
Dementsprechend verstehen wir uns aber auch als kulturell-künstlerischer Dienstleister, der durch ein Mission Statement  im Rahmen eines Drei-Jahres Vertrages mit der Stadt Wien verbunden ist und mit der Stadt Wien vereinbart hat, das Schaufenster der internationalen zeitgenössischen Kunst in der Stadt zu sein. In diesem Rahmen zählen neben der Besucherfrequenz und Einnahmen insbesonders und primär qualitative Kriterien wie die Reputation des Hauses und die nationale und internationale Resonanz sowie die Bedeutung der Ausstellung für die Künstler. Insgesamt haben wir eine exemplarische Autonomie erreicht und gleichzeitig aber auch als zeitgenössische internationale Bühne eine klare kulturpolitische Aufgabe für die Stadt übernommen. Das heißt für mich nicht nur, dass die Kunsthalle ihre Programme ohne politische Beeinflussung rein aus künstlerischer Verantwortung heraus gestalten kann, sondern auch, dass wir ein selbstbewusster Teil der Gesellschaft sind und auch mit zeitgenössischer Kunst an ihren Debatten, auch an ihren politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Debatten, teilhaben. Darauf sind wir stolz.

Stadt Wien.at:  Eine Kunsthalle besitzt ja üblicherweise keine eigene Sammlung, wie kommt es, dass die Kunsthalle nun doch eine eigene Sammlung hat?

G. Matt: Stimmt, ein Museum ist primär ein Archiv, eine Verwaltungsinstanz, seine Bestände, und damit aber auch ein Verteidiger der Vergangenheit und ist auf das Sammeln mit all seinen Energien  ausgerichtet. Eine Kunsthalle konzentriert sich auf die Präsentation von Kunstwerken, auf Ausstellungen, d.h. auf das Vermitteln von Kunst. Eine Kunsthalle arbeitet synchron mit ihrer Zeit. Sie bildet ab, kommentiert, was passiert, „was der Fall ist“. Sie arbeitet für die Zeit, nicht für die Ewigkeit. Inzwischen sind die Grenzen jedoch verwischt, Museen machen, um ihre Attraktivität anzuheben, auch Ausstellungen und  Kunsthallen sammeln. Keine Sammlung zu haben hat eben aber auch Vorteile, man ist zeitgenössischer und schneller. Die Sammlung, die Sie ansprechen, ist unsere Videosammlung, das ist aber mehr ein Archiv und eine wissenschaftliche Plattform als eine Sammlung im klassischen Sinn.

Stadt Wien.at:  Ist man ohne zu sammeln flexibler?

G. Matt: Ja, schneller, flexibler und konzentrierte auf das Vermitteln von Kunst, insbesonders auf das Vermitteln zeitgenössischer Inhalte. Vom Ballast der Vergangenheit befreit, kann man sich besser auf  Gegenwart und Zukunft konzentrieren. Damit können wir mit wenigen Mitarbeitern und auch mit einer privatwirtschaftlichen Organisation effizient und zielgerichtet arbeiten, sowie ein reichhaltiges, künstlerisches Programm bieten. Ein Haus, das zeitgenössische Kunst, die vor allem von Veränderung, Innovation und Dynamik lebt, zeigen will, muss auch über Strategien eine Organisation verfügen, die ebenfalls diese Kriterien erfüllt und Innovation und Dynamik lebt. Da wäre eine Ministeriumsabteilung oder eine im Rahmen der staatlichen Bürokratien organisierte Institution fehl am Platz.
 
Stadt Wien.at:  Sie persönlich sind ja ein leidenschaftlicher Privatsammler, welche Prioritäten haben Sie dabei?

G. Matt: Zum Glück stehe ich einer Kunsthalle und keinem Museum vor, sonst würde ich meine Sammelleidenschaft auf das Haus ausweiten. Aber im Ernst, auch wir machen, wie erwähnt, eine Ausnahme in unserer Politik nicht zu sammeln. Wir werden dort tätig, wo wir eine Vermittlungslücke und eine entsprechende Lücke in Sammlungen in dieser Stadt sehen, wie z.B. in der jungen Videokunst für die wir mit der deutschen Blickle Stiftung einen Partner und Unterstützer gefunden haben. Das Projekt Video-Lounge und Video-Archiv gestalten wir  gemeinsam mit der Hochschule für angewandte Kunst, inzwischen umfasst die Sammlung mehr als 3000 Videos und wir bieten auch den Studierenden eine entsprechende Plattform und Werkplätze, um mit Videos zu arbeiten und zu recherchieren. Das ist über die österreichischen Grenzen hinaus ein viel beachtetes vorbildliches Projekt einer geradezu  immateriellen Sammlung. Ich persönlich sammle unter anderem Fotografien, Erstausgaben von Büchern und Krawatten aus den 30er bis 50er Jahren und bin ein leidenschaftlicher Flohmarktbesucher. Natürlich spiegelt sich meine Neugier für die Welt und ihre Objekte in der Lust, zeitgenössische Kunst für mich und vor allem für das Publikum zu entdecken, eine  Rolle. Als Kurator ist man ja so etwas wie ein Scout, der unbekanntes oder noch zuwenig bekanntes künstlerisches Terrain vordringt, um diese für die Menschen sichtbar zu machen.   

Stadt Wien.at:  Was ist Kunst oder wann ist Kunst Kunst?

G. Matt: Kunst ist und war immer eine Vereinbarung. Eine Vereinbarung zwischen allen am Kunstsystem Beteiligten, das sind die Museen, das sind die staatlichen Kulturförderer, das sind die Künstler, das ist das Publikum, das sind die Galerien, die Hochschulen, die Kritik und die Sammler und andere mehr. Was Kunst oder gute Kunst ist wird in diesem System von Interessen und Fachurteilen entschieden. Und da haben wir als Museen, bzw. als Kunsthallen eine große Verantwortung, insbesonders wenn wir Dinge zum ersten Mal zeigen und damit auch bewerten. Eine Kunsthalle ist so etwas wie Reputationsmaschinerie, ein Barometer für Qualität. Und ich denke wir machen unseren Job richtig, wenn die Künstler sich freuen bei uns ausgestellt zu werden und unsere Austellungen auch international als hochkarätig, aber insbesondere als Trend selber angesehen werden. So haben wir uns bereits Anfang 2000 in der Ausstellung „Kapital und Karma“ mit Kunst aus Indien beschäftigt. Und jetzt setzen alle auf einen Boom.  Inzwischen sind auch alle heimischen Künstler daran interessiert in unserer alle 5 Jahre stattfindenden Show „Lebt und arbeitet in Wien“ gezeigt zu werden. Eine Show, die auch ein bisschen eine Startrampe für internationale Karrieren darstellt. Ich denke, dass auch wenn die Qualitätsbeurteilung von Kunst aus diesem Geflecht unterschiedlichster Meinungen, die natürlich auch unterschiedlich je nach Position uns Autorität der Teilnehmer dieses Systems gewichtet sind, insgesamt als Summe individuell subjektiver Meinungen über einen längeren Zeitraum doch ein objektives Bild ergeben. Hinter diesen Bewertungen steckt doch sehr viel Wissen, Erfahrung, ja vor allem visuelle Erfahrung. Man sieht man auch an Künstlerkarrieren, dass diese nicht einfach durch Investitionen und Lobbying gepusht werden können. Man kann noch so viel Geld, Protektion und Medienpräsenz in einen Künstler investieren, deswegen muss noch lange nichts draus werden.  Andere Künstler benötigen vielleicht Jahrzehnte bis ihr Werk gereift ist und dann kommt plötzlich der Durchbruch, das kann man alleine nicht beeinflussen.

Stadt Wien.at:  Sie haben zu Beginn die Faktoren Kunst, Wirtschaft und Marketing genannt, welcher Synergie-Effekte ergeben sich daraus und wie kann man sie am produktivsten einsetzen?

G. Matt: Jedes Museum, dass ja auch ein Unternehmen, bestenfalls ein Dienstleistungsunternehmen, für das Publikum und die Künstler darstellt, hat eine schwierige, oft ambivalente Doppelnatur: da ist der künstlerische, ideelle Aspekt der Arbeit und auf der anderen Seite der materielle und finanzielle Wert, bzw. die wirtschaftlichen Notwendigkeiten in einem Unternehmen selbst. Als Kunsthalle müssen wir auch das was wir tun überprüfen, unsere Leistung und Zielerreichung einem Controlling unterwerfen, damit wir nicht Blindflüge unternehmen. Das heißt,  wirtschaftliche Daten müssen erhoben werden und für die Planung und Zielsetzung berücksichtigt werden.  Eine wirtschaftlich ordentliche Gebahrung hat durchaus auch einen positiven Effekt für die Kunst, Effizienz bedeutet schlichtweg mehr Geld für die Kunst. Marketing ist natürlich ein wichtiger Punkt, denn schließlich wollen wir Kunst ja auch kommunizieren, und es herrscht ein starker Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit jedes Einzelnen innerhalb unserer ganzen Gesellschaft. Unsere Plakate müssen nicht nur gegen die übrige Freizeitindustrie, sondern auch gegen alle anderen Werbetreibenden im öffentlichen Raum bestehen, und hier hat sich in den letzten Jahren viel getan. Dazu gehört auch die Einsicht, dass Kunst und Wirtschaft nicht automatisch Feinde sein müssen, sondern dass Expertisen aus dem wirtschaftliche Umfeld der Kunst durchaus auch förderlich sein können. Heute sieht man das alles viel entspannter. Es ist ja auch kein Zufall, dass moderne Museumsmanager meist über Kenntnisse aus der Kunst und der Wirtschaft verfügen. So habe ich auch Kunst und Wirtschaft studiert und betrachte eine Kunstinstitution auch als Unternehmen, bzw. wohl besser als Unternehmung, die aktiv am Leben der Gemeinschaft teilnimmt und auch über wirtschaftliche Expertise verfügt. Aber lassen Sie mich mit einem Satz von Oskar Wilde diese Betrachtungen schließen: Wenn sich Banker treffen, reden sie über Kunst, und wenn sich Künstler treffen, reden sie meist über’s Geld.

Stadt Wien.at:  Haben sie einen Wunsch an das Christkind?

G. Matt: Die Wünsche sollte man zwar nicht bekannt geben, aber meine großen Wünsche gehen in Richtung Erweiterung des Hauses - das wird auch der Schwerpunkt für das nächste Jahr. Mehr wird dazu will ich vorerst nicht verraten, nur dass es nichts mit dem Künstlerhaus zu tun hat. Ein kleinerer Wunsch hat mit bestimmten Werken von Salvador Dali zu tun, die wir für Ausstellung Surrealismus, c’est moi noch benötigen.
Stadt Wien.at:  Danke für das Interview
Interview: Ralf Ehrgott
Text: Obi
 

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