1. Stadt Wien
  2. Kunst & Kultur
Mehr Kunst & Kultur
Artikel teilen
Kommentieren
Kunst & Kultur

Malen gegen die Zeit

Informationen über die grosse Picasso-Ausstellung Malen gegen die Zeit in der Albertina in Wien.

Picasso vor dem Gemälde "Paar", 1970
© Succession Pablo Picasso/VBK, Wien, 2006

Über 200 Picasso-Werke

Keiner hat die Kunst des 20. Jahrhunderts so nachhaltig geprägt wie Pablo Picasso. Unter den zahlreichen Phasen und Stilperioden in seinem Schaffen nimmt das Alterswerk einen besonderen Platz ein. Diesem Spätwerk ist die Ausstellung der Albertina gewidmet, kuratiert von Werner Spies, dem ehemaligen Direktor des Centre Pompidou und bedeutendstem Picasso-Forscher unserer Tage. Anhand von über 200 Werken von 60 Leihgebern – Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafik und Skulpturen – zeigt die Ausstellung die besondere Arbeitsweise und stilistische Einmaligkeit von Picassos später Kunst. Im Zentrum steht die Dialektik von Malerei und Zeichnung: Die meisterhaft schnellen, „wilden“ und ungemein sinnlichen Gemälde stehen den akribisch genau und detailliert ausgeführten Zeichnungen gegenüber. Ein spannungsreicher Dialog, der den größten Künstler des 20. Jahrhunderts im Wettlauf mit der Zeit erkennen lässt.

Leihgeber: Musée Picasso und das Centre Pompidou in Paris, Bernard Picasso, das Metropolitan Museum und das Museum of Modern Art in New York, die Tate Modern, London, das Museo Reina Sofia, Madrid, die Fondation Beyerler und das Kunstmuseum in Basel, die Stiftung Ludwig Köln, das Museum Frieder Burda Baden-Baden sowie zahlreiche Private Sammlungen.

Werner Spies über die Ausstellung „Picasso – Malen gegen die Zeit“

Ein Stil des Malens, ein Stil des Zeichnens
Die »Aktualität« des späten Picassos, die in einer Reihe von Ausstellungen die wilde und expressive Malweise der Kunstszene legitimieren sollte, erscheint oberflächlich, ja als Fälschung. Etwas Entscheidendes wird dabei übersehen: Dem »wilden« Picasso stand immer, auch in den allerletzten Jahren, ein reflektierender Picasso entgegen, der in den Zeichnungen seine Erinnerung und sein Metier souverän einsetzte. Der Gegensatz, auf den wir treffen, ist so auffällig und so bedeutend, dass man sich nach einer Begründung umsehen möchte. Offensichtlich steht hinter Picassos Trennung in einen Stil des Malers und in einen Stil des Zeichners die panische Angst vor der auslaufenden Zeit.

Ein Wettlauf gegen den Tod
Entsetzen und Widerstand gegen Altern und Tod spiegeln sich in der Organisation der Arbeitszeit wider. Das Werk, das Picasso täglich hervorbringt, erscheint als Aufstand gegen die Zeitlichkeit und gegen das Verschwinden. Diese Verwendung von Zeit führt in die »Zeit von Mougins«, in das Atelier von Notre-Dame-de-Vie. Man hat den Eindruck, als stehe der ständige Blick auf die Uhr im Vordergrund. Für jede dieser täglich erneut erbrachten Aktionen vor der Staffelei oder auf dem Zeichenblatt setzt der Künstler ein bestimmtes Quantum an Zeit ein. Ausgehend von diesem immer gleichen Maß an Zeit, das der Künstler in eine Arbeit investiert, entsteht ein Gemälde, eine Zeichnung, eine Radierung oder eine Skulptur. Das Pensum, vor das den Maler ein großes Bild stellt, ist quantitativ und organisatorisch umfassender als der Aufwand für eine Zeichnung.

Rastlos vor der Leinwand
Aus diesem Grunde kann ein Gemälde, für das – nach diesem Gesetz – nicht mehr Zeit zur Verfügung steht als für eine Radierung, nicht die detaillierte Ausarbeitung erfahren, auf die wir in den grafischen Arbeiten der Spätzeit durchgehend treffen. Die Rastlosigkeit hat es – und das zeigen die späten Bilder, die mit allen Fasern an Sinnlichkeit und Umarmung hängen, die Kuss und Kopulation in Großaufnahmen zeigen – darauf abgesehen, den Tod zu exorzisieren. Wir treffen auf eine Raserei, die der eines Pollock oder de Kooning in nichts nachsteht. Sie führt zu den offenen Bildern. Kein Teil der Leinwand wird dabei privilegiert.

Liebesszenen, Selbstporträts, Aktfiguren
Alles drängt nach Schnelligkeit und Abkürzungsverfahren. In diesem Zusammenhang entwickelt Picasso eine Art von Hieroglyphensprache, die kürzelhaft das Thema ausspricht. Das »fa presto«, zu dem er greift, lässt immer wieder ganze Partien des Bildes unbearbeitet, weiß. Dieses Vorgehen tendiert zur Formauflösung. Farbflächen überschneiden sich unregelmäßig, mischen sich. Die Gemälde konzentrieren sich so gut wie ausschließlich auf die Darstellung einer Figur oder eines Paares. Es gibt wenige Motive: Maskerade der Mantel- und Degenstücke (Bilder von Musketieren), Selbstporträts, pastorale Liebesszenen, das Thema vom ungleichen Liebespaar, Aktfiguren. Aus der Rückschau zeigt es sich, dass Picasso dominante Themen der Zeit zum Ausdruck bringt.

Akribisch in der Zeichnung
In den Zeichnungen und Grafiken führt der Künstler eine akribische Technik fort. Kontur und zeichnerische Details bleiben weitgehend genau und scharf notiert. Denn was im Medium der Zeichnung, bei der Arbeit am kleineren, konzentrierten Format als Zeit zur Verfügung steht, verwandelt sich hier in Details und Genauigkeit. Auch die unterschiedliche Thematik wird von diesem Zeittakt geregelt. In den späten Zeichnungen herrscht eine einzigartige Erzählfreude vor.
Die Ausstellung Picasso – Malen gegen die Zeit versucht, diesen Fragen – Fragen der Technik, der Ikonografie und der Verankerung in der Kunstgeschichte – nachzugehen. Rund 70 Gemälde, 40 Zeichnungen, 80 Druckgraphiken und mehrere »Klappskulpturen« unterstreichen die Dialektik, die das zeichnerische und malerische Werk in den »Jahren in Mougins« vortragen.


Text + Bilder: www.albertina.at

 

 

Video
Beteiligen Sie sich am Beitrag, wir freuen uns:

Kommentar hinzufügen
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
weitere Meinungen
Keine Kommentare
  1. Stadt Wien
  2. Kunst & Kultur