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Egon Schiele und Richard Gerstl wieder im Leopold Museum

Egon Schiele und Richard Gerstl wieder zurück im Leopold Museum Wien. Österreichische Moderne im Vergleich im internationalen Kontext

Leopold Museum Wien zeigt Malerei der klassischen österreichischen Moderne

Internationale Ergänzung durch Leihgaben aus der Sammlung Thyssen-Bornemisza

Nach längeren Ausstellungsaufenthalten sind die bedeutenden Gemälde von Egon Schiele und Richard Gerstl wieder in das Leopold Museum zurückgekehrt. Diese Herzstücke der wichtigsten Sammlung der österreichischen Modernen sind nun wieder im Rahmen ihrer Tradition, der Malerei des beginnenden 20. Jahrhunderts in Wien, zu sehen. Neben Oskar Kokoschka vertreten sie den österreichischen Expressionismus, dessen Eigenart sich gerade durch die Gegenüberstellung mit deutschen Expressionisten zeigt, die dank Francesca von Habsburg seit Ende Juni mit Dauerleihgaben der klassischen Modernen aus der Sammlung Thyssen-Bornemisza im Leopold Museum geboten wird.

Egon Schieles Kunst entwächst aus dem Einfluss des Wiener Secessionismus im Allgemeinen und aus dem des Gustav Klimt im Besonderen. Doch bereits 1910, im Alter von 20 Jahren, schafft Schiele Werke von ungeheurem Eigenwillen, expressiv in der scharfen Kontur seiner Akte, in den akzentuierten Farbgebungen, die nicht wirklich unnaturalistisch, sondern, gleich den spannungsreichen Posen seiner Protagonisten, ausdrucksmäßig übersteigert sind. Keine Geste, kein Körperglied ist zufällig gezeichnet, sondern bewusst und mit dem gerade notwendigen Kolorit versehen, gesetzt um das gezielte Menschenbild eindringlich vor Augen zu stellen.

Thematisch knüpft Schiele an Themen Edvard Munchs an. Menschliche Empfindsamkeit, vorwiegend mit den Schattenseiten des Lebens befasst, Einsamkeit, Leid, Verzweiflung und Tod sind die Inhalte seiner Bilder. Erotik spielt in vielen, gänzlich neuen, Facetten eine große Rolle. Selbst die Landschaftsbilder sind beseelt, Bäume empfindsam bewegt, Häuser mit Schicksal beladen, subjektiv, doch von einer allgemeinverbindlichen Gültigkeit. Manches Gemälde mutet abstrahierend an, doch bleibt Schiele stets konstruktiv, schafft mit fast unnaturalistischen Mitteln stets Konkretes und wendet sich in seiner künstlerischen Entwicklung gegen Ende seines kurzen Lebens (1918), nicht der Möglichkeit nach weiterer Abstraktion zu, sondern nach einer neuen plastischen Klassizität, wie es sich – allerdings Jahre später – auch in Picassos Werk verfolgen lässt.

Richard Gerstl steht in seiner zeitgenössischen österreichischen Kunstszene als völlig isolierte Künstlerpersönlichkeit.

Sein Werk von etwa 80 Gemälden entstand in dem knappen Zeitraum von 1905 bis 1908 und wurde, nachdem er sich mit 25 Jahren das Leben genommen hatte, verpackt und erst 1931 wieder an die Öffentlichkeit gebracht, sodass auch keine unmittelbare künstlerische Nachfolge stattfinden konnte.

Zwar studierte Gerstl an der Wiener Akademie der Bildenden Künste, doch verließ die Institution nach gravierenden Zwistigkeiten. - „Sie hat der Teufel an die Akademie geschickt“ soll sich einer seiner Professoren über den widerspenstigen Studenten geäußert haben. Das Werk Gerstls lässt diese Unvereinbarkeit mit der Wiener Tradition verständlich erscheinen. Der junge Künstler suchte seine künstlerische Orientierung zunächst außerhalb Österreichs, bei Vincent van Gogh, Georges Seurat, den Neoimpressionisten und Edvard Munch. Von einer ponitillistischen Fleckenmalerei, die noch stark den französischen Vorbildern verpflichtet ist, entwickelte er sich rasch zu einer großzügigen Pinselschrift mit immer souveräner dominierender malerischer Gestik. Diese lässt durch ihre Eindringlichkeit den Betrachter den malerischen Prozess unmittelbar nachvollziehen. In spontanen groben Pinselzügen und unelegantem, rohem Farbauftrag bei eng gefasster Skala von Farbtönen bannt er Bildnisse seiner Freunde, wie der Familie Schönberg, und seiner selbst auf die Leinwand. Der Porträtierte ist kaum wieder zu erkennen. Mit frappanter Freiheit verwildert die Form nahezu, sodass die Malerei bei gleichzeitiger überraschender Authentizität an die Grenze der Abstraktion getrieben wird. 

Siebzehn Gemälde aus der weitaus umfangreicheren Sammlung Thyssen-Bornemisza stellen dem Besucher des Leopold Museums nun für mindestens vier Jahre exemplarisch den internationalen Hintergrund zur österreichischen Kunstszene nach der Jahrhundertwende dar. Dass die Beispiele den Werken der hauseigenen Sammlung nicht nur in ihrer Qualität und Aussagekraft entsprechen, sondern diese in ihrer Charakteristik noch herausheben, garantiert nicht zuletzt die Tatsache, dass sie vom Direktor des Museums, Prof. Leopold, selbst ausgewählt und gehängt worden sind.

Baron Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza, der Vater der Leihgeberin Francesca von Habsburg, begründete die Moderne innerhalb seiner Sammlung, die bisher auf Alte Meister konzentriert gewesen war, erst 1961 mit dem Kauf des Aquarells „Junges Paar“ von Emil Nolde. Mit Leidenschaft erwarb er in wenigen Jahren bedeutende Werke des deutschen Expressionismus, sowie anderer moderner Künstler von Picasso und Mondrian bis zu Kandinsky und den russischen Pionieren der Abstraktion.

Gerade Noldes Paar, das in den 30er Jahren entstanden ist, lässt sich gut zu einem Vergleich mit den Bildnissen Schieles oder Gerstls heranziehen. Klar in den Umrissen, sparsam in den gewählten kräftigen Farbtönen, zeigt es typisierte Personen, die in einer traumhaften Atmosphäre entrückt zu sein scheinen, zwei Individuen, in kontrastierenden leuchtenden Farben gehalten, doch gerade in diesen zu einer Harmonie vereint, die von dem Blatt wie aus einer anderen Welt auf den Betrachter ruhig und wohltuend ausstrahlt. Ein gänzlich andersartiger Gehalt wird hier vermittelt als in den Porträts der österreichischen Künstler, bei Nolde Sehnsucht nach phantastischer, vergeistigter Einheit, jenseitiger Objektivität – bei Schiele oder Gerstl doch fundamentales Verhaftetsein in einer menschlichen Realität, gebunden an Subjektivität, körperliches Empfinden und psychisches Sentiment.

Hierin zeigt sich vielmehr die Verbundenheit mit dem Werk Edvard Munchs, der mit seiner Lithographie „das kranke Kind“ von 1896 ein Menschenbild zeichnet, das der „österreichischen“ Auffassung näher liegt.

Mit Gemälden der internationalen Avantgarde, Alexander Rodchenko, Fernand Léger, Arthur Segal oder Gino Severini, jedes einzelne von außerordentlicher Qualität und Ästhetik, werden konstruktivistische Wege in die Abstraktion gezeigt, die weder Schiele, noch Gerstl, Kokoschka oder Gustav Klimt gegangen sind.

Focus der österreichischen Künstler der beginnenden Moderne, ob expressionistisch oder nicht, ist nicht die formalistische Problematik gewesen, wie sie die internationale Kunstwelt so in ihren Bann zog. Vielmehr scheint immer das Existenzielle des menschlichen Seins, dessen reale Empfindsamkeit, individuell, doch zugleich von generellem Anspruch, im Zentrum des spezifischen künstlerischen Ausdruckswillens gestanden zu sein. Abstraktion ist nie das eigentliche Ziel, sondern nur soweit als Mittel zum Zweck eingesetzt um die intendierte Aussage künstlerisch zu formulieren und, wie auch im Leopold Museum an herausragenden Beispielen vorgestellt, wahre Meisterwerke von einzigartiger Qualität zu schaffen.

 

Text: Margareta Sandhofer

Fotos: Leopold Museum www.leopoldmuseum.org

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