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Jürgen Weber
Ausstellungen Text: Jürgen Weber

Leopold Museum: Alberto Giacometti. Pionier der Moderne

17. Oktober 2014 bis 26. Jänner 2015: In Kooperation mit dem Kunsthaus Zürich und der Alberto Giacometti-Stiftung, Zürich zeigt das Wiener Leopold Museum einen der größten „Weltkünstler“, wie Interimsdirektor und Kurator Franz Smola ihn bei der Eröffnung nannte. Man müsste wirklch in die ganze Welt fahren, um alle Ausstellungsobjekte einmal sehen zu können, aber das Leopold Museum hat sie alle zu einem Zeitpunkt nach Wien gebracht. Der Schweizer Ausnahmekünstler Alberto Giacometti (1901 – 1966) ist nicht nur einer der bekanntesten, sondern auch einer der teuersten Skulpteure: 2010 erzielte sein Werk „L´homme qui marche l“ bei Sotheby's in London 74 Mio Euro, den höchsten Preis, der je für eine Skulptur bezahlt wurde.

Giacometti, Auge in Auge mit einer Skulptur von René Burri
© Magnum Photos | Alberto Giacometti beim Modellieren einer Büste seines Bruders Diego, 1960 von René Burri

Giacometti's "Wagen"

Ein weiteres Werk, „Chariot“ (dt.: der Wagen), das im Leopold Museum im Original ausgestellt ist, wird auf 80 Mio Euro geschätzt. Dabei ist seine Entstehungsgeschichte relativ kurios. Als Giacometti aufgrund eines Autounfalls mit einer Fußverletzung im Krankenhaus landete, faszinierte ihn der Krankwagen mit seinen großen Rädern, in dem sich die Medikamente befanden, so sehr, dass er ihm durch die Skulptur „Chariot“ unabsichtlich ein Denkmal setzte. Die Skulptur erinnert eher an Ritualfiguren der Vorzeit, denn an moderne Krankenhäuser – auch dies ein unerwarteter Aspekt von Giacomettis Kunst. Das Leopold Museum berücksichtigte bei der Konzeption der Ausstellung auch die Entstehungsbedingungen von Giacomettis Kunstwerken und schafft in seinen insgesamt acht Sälen, die Giacometti gewidmet sind, die Atmosphäre einer Werkshalle oder Fabrik, denn wie so viele andere Surrealisten seiner Zeit, sah sich auch Giacometti selbst als Arbeiter. Die Wandfarbe der Ausstellungsflächen sollen an das Gießen von Ton und die Metamorphose des Materials hin zur Bronze erinnern und so gewissermaßen eine Giacometti-Kathedrale vor dem Besucher erstehen lassen.

Giacometti und Kollegen

Insgesamt 146 Objekte zeigt die eigens für das Wiener Leopold Museum zusammengetragene Ausstellung unterschiedlicher Leihgeber, wovon eigentlich nur 87 Kunstwerke von dem im Schweizer Stampa/Borgonovo geborenen Künstler selbst stammen. „Wir zeigen den ganzen Giacometti“, betonte Franz Smola bei der Eröffnung zur Ausstellung. Ein Werk des 17-jährigen wird ebenso gezeigt wie das Spätwerk, etwa eine Lithographie, die kurz vor seinem Tod, 1966, entstanden war. Aber nicht nur, dass der „ganze“ Giacometti gezeigt wird, er wird auch in seiner ganzen Vielseitigkeit gezeigt, seien es die drei Meter hohen Bronzeskulpturen, mit denen er bekannt wurde oder seine exzentrischen Gemälde. Auch Fotos von dem Künstler werden gezeigt, die zumeist von ebenso berühmten Kollegen stammen, wie er es selbst war, darunter etwa eines von Henri Cartier-Bresson, der Österreicherin Inge Morath oder dem Schweizer René Burri, das Giacometti mit eben so zusammengekniffenen Augen zeigt, wie eine seiner Statuen im Hintergrund. Werke von Brancusi, Picasso, Pollock konterkarieren oder unterstützen die Aussagekraft von Giacomettis Werken.

"Élan vital" oder das Verschwinden im Raum

Als es Mitte der Dreißiger Jahre zum unweigerlichen Bruch mit der von André Breton verordneten Dogmatik der Nicht-Naturstudien kam, sürzte dies Giacometti in eine große Schaffenskrise. In seinem Atelier am Montmartre kamen sie alle zusammen, Picasso, Braque, Matisse, Miró u. a. und Giacometti kannte sie alle. Umso mehr litt er unter dem Ausschluß aus der Gruppe, was ihn zwölf Jahre seiner Produktivität kostete und seine Skulpturen so schrumpfen ließ, dass sie teilweise in einer Streichholzschachtel Platz fanden. Der „Philosoph unter den Künstlern“ wie Smola ihn nannte, fand aber bald wieder einen eigenen Weg zum Transzendentalen und fast Mystischen seines eigenen Werks, wenn er „naturalistische Figuren jenseits jeden Realismus“ darstellte. Seine Figuren versprühen eindeutig einen gewissen „Élan Vital“, aber selbst seine monumentalsten Werke symbolisieren auch das „Verschwinden im Raum“. Giacometti zeigt zwar das Äußere mit all seiner amorphen Form, er meint dabei aber immer das Innere, den unsichtbaren Kern und genau dorthin dringt sein Werk vor.

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Der "ganze" Alberto Giacometti in Wien

Sein Zeitgenosse Jean-Paul Sartre war angesichts seiner Skulpturen mit „absoluter Distanz konfrontiert“, wie Philippe Büttner, Sammlungskonservator des KHZ, zitiert. Die Sammlungsleiterin und Patronin des Leopold Museums, Frau Elisabeth Leopold, fand in einer Art mentalen Archäologie sogar Vorläufer von Giacomettis Skulpturen, die etruskischen „ombre della sera“, Schatten des Abends. „Raum gibt es nicht, er wird durch seine langen Figuren erst erschaffen“, ergänzt sie und vielleicht werden sie mit der Distanz deswegen immer schmaler und dünner, weil auch Giacomettis Frau, Isabel, ihn einst verließ, so Leopold. Betrachtet man die Figuren aber von vorne, könnte es auch durchaus sein, dass sie immer näher kommen. Die Alberto Giacometti Ausstellung – ein unvergessliches Erlebnis, dass es in dieser Dichte sicherlich nie mehr an irgendeinem anderen Ort geben wird, außer eben in Wien.

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