1. Stadt Wien
  2. Im Gespräch
Mehr Im Gespräch
Artikel teilen
Kommentieren
Im Gespräch

Rektor Dr. Töchterle zur aktuellen Uni-Situation

Stellungnahme des Rektors der Uni Innsbruck, o. Univ.-Prof. Dr. Karlheinz Töchterle, zur aktuellen Situation an den Universitäten Österreichs.

Die Uni Innsbruck, bereits 1669 gegründet, ist Zentrum für Forschung und Lehre im Gebiet Tirol und Vorarlberg, Südtirol und Liechtenstein. 3.500 MitarbeiterInnen sorgen im Betrieb für etwa 20.000 StudentInnen.

Die Uni Innsbruck legt in ihren Richtlinien nicht nur größten Wert auf Qualität und internationale Wettbewerbsfähigkeit, sondern auch auf die Beständigkeit von ideellen und ethischen Kriterien. Besonders hoch ist das Verantwortungsbewusstsein veranschlagt, das allen an der Uni Innsbruck Lehrenden, wie Lernenden, nachhaltig vermittelt werden soll. Dazu zählt vor allem die Verpflichtung der Wissenschaft gegenüber, was sich im Prinzip von Freiheit und Kritikfähigkeit in Vortrag wie Forschung definiert. Die Unabhängigkeit von gesellschaftlichen, politischen und zeitgeistigen Entwicklungen ist obligates Bestreben. Basierend auf humanistischem Gedankengut, begreift sich die Uni Innsbruck als die Gesellschaft beeinflussende und formende Institution, deren Ziel und Sinn es ist, durch verantwortungsvoll betriebene Forschung und Lehre die Wissenschaft im Dienst der Menschlichkeit voranzutreiben um letztlich die nachhaltige Verankerung von ethischen und sozialen Werten global und umfassend zu etablieren.

Vor dem Hintergrund dieser hohen Prinzipien, die das Fundament der Uni Innsbruck darstellen und deren Agieren bestimmen, ist die Stellungnahme des Rektors der Uni Innsbruck, o. Univ.-Prof. Dr. Karlheinz Töchterle, zur aktuellen Situation auf den Universitäten Österreichs von besonderem Interesse.

Gemeinsam statt gegeneinander

stadt-wien.at dankt Rektor Töchterle für sein Engagement und das Zusenden des Interviews, das im Folgenden in unveränderter und unverfälschter Form wieder gegeben wird.

Auch in Innsbruck protestieren die Studierenden unter anderem gegen die verschulten Bologna-Studien und die Unterfinanzierung des Bildungssystems. Die Leitung der Universität Innsbruck zeigte von Beginn an Verständnis für die Aktionen und begann auch sehr schnell einen Dialog mit den Besetzerinnen und Besetzern der Sowi-Aula. Doch trotz sehr weitgehender Angebote, verbunden mit der Bitte, die Besetzung in Bereiche der Uni zu verlagern, in denen keine Vorlesungen stattfinden, ist es bisher zu keiner Lösung gekommen. Die Zeit wird eng, denn die Uni Innsbruck kann und will nicht länger auf die Sowi-Aula verzichten.

Die Sowi-Aula ist nun bereits seit knapp zwei Monaten besetzt. Wie sehen Sie die Protestaktionen?


Ich habe für viele Forderungen der Studierenden größtes Verständnis. Ich bin, im Übrigen gemeinsam mit dem Unirat und dem Senat, also der gesamten Unileitung der Meinung, dass wir bei der Einführung der Bolognastudien über das Ziel hinausgeschossen haben. Die Studienstruktur ist zu starr und zu verschult. Wir müssen das überarbeiten und Bachelorstudien re-akademisieren. Das heißt, die Studierenden brauchen Freiräume in Form von freien Wahlmöglichkeiten innerhalb des Studiums und im Sinne von realen Räumen, in denen sie sich treffen, diskutieren und konkrete Dinge ausprobieren können. Eine Universität ist keine Schule, sie soll die Studierenden anleiten, Antworten auf komplexe Fragen zu erarbeiten. Ebenso ist es evident, dass die Universitäten und darüber hinaus der gesamte Bildungsbereich seit vielen Jahren eklatant unterfinanziert sind und daher große Schwierigkeiten haben, die steigenden Studierendenzahlen und die immer neuen Aufgaben, die Politik und Gesellschaft an sie herantragen, zu bewältigen.

Halten Sie die Besetzung von Hörsälen für ein geeignetes Mittel, auf die Situation hinzuweisen?

Hier gibt es zwei Zeitphasen: Am Anfang waren die Besetzungen gerechtfertigt. Sie haben das notwendige deutliche Zeichen gesetzt und den Studierenden ist es damit gelungen, ein wesentliches Thema für die künftige Entwicklung unserer Gesellschaft und des Bildungsstandortes Österreich ganz nach oben auf die politische Tagesordnung zu setzen. Nahezu alle Medien haben sehr breit über die Defizite in der österreichischen Bildungs- und Universitätspolitik berichtet. Sie haben das geschafft, was wir als Universitätslehrerinnen und -lehrer oder als Rektoren seit langem ergebnislos versucht haben. In Innsbruck haben wir daher die Aktion von Anfang an ernst genommen und sehr schnell versucht, mit den Studierenden ins Gespräch zu kommen. Ich will diese positive Energie und die konstruktiven Ideen erhalten, und daher haben wir unter anderem auch entsprechende Räume angeboten, um den Studierenden langfristig die Möglichkeit für ihre Arbeit zu geben. Denn, und da kommen wir zur zweiten Phase, die Universität kann nicht so lange auf einen ihrer größten Hörsäle verzichten. Langfristig kosten die nötigen Ausweichquartiere sehr viel Geld, das wir gemeinsam besser verwenden könnten. Nun wurde dieses Angebot abgelehnt, und ich bin nicht sicher, ob es noch ein Ziel der Mehrheit der Besetzerinnen und Besetzer ist, gemeinsam mit der Universität an der Verbesserung der derzeitigen Situation zu arbeiten. Wenn es nur mehr darum geht, der Universität zu schaden und sich nicht bewegen zu wollen, dann ist diese Form des Protestes nicht länger gerechtfertigt.

Was erwarten Sie jetzt?

In den diversen Gesprächen mit den Studierenden hatte ich bisher den Eindruck, dass diese auf sehr hohem Niveau und mit sehr viel Verantwortungsgefühl geführt wurden. Derzeit ist ein wenig Ernüchterung eingetreten, da sich zeigt, dass mögliche Veränderungen doch nicht im Ho-Ruck-Verfahren möglich sind, sondern Zeit brauchen. Dazu, welche Ziele nun formuliert werden sollen und in welchem Rahmen der konstruktive Protest weitergeführt werden kann, gibt es derzeit verschiedene Meinungen. Ich habe jedoch nach wie vor die Hoffnung, dass wir letztlich gemeinsam eine für alle Seiten herzeigbare und damit auch nachhaltige gemeinsame Lösung finden werden. Aus diesem Grund haben wir als Unileitung das Angebot auch nicht zurückgezogen, sondern halten dies weiter aufrecht. Unser Angebot gilt bis zum Beginn der Weihnachtsferien.

Was passiert dann?

Dann gibt es kein Angebot mehr. Ich bin als Rektor für die positive Entwicklung der Universität zuständig. Daher habe ich diese Aktionen nun doch lange Zeit sehr positiv bewertet, weil ich der Meinung bin, dass gerade dieser Dialog für eine Universität sehr wichtig ist. Aber ich will und kann nicht auf Dauer einen Teil unseres Budgets dafür verwenden, externe Räume anzumieten, wenn es keinen konstruktiven Dialog mehr gibt. Um etwas zu erreichen, muss man verhandeln. In den Forderungen der Studierenden gibt es ja zahlreiche Punkte, die sehr viele Mitglieder unserer Universität, Studierende und Lehrende, sofort unterschreiben können. Es gibt aber auch Punkte, wo es unterschiedliche Meinungen gibt. Am Ende von konstruktiven Verhandlungen steht ein Ergebnis, das eine Mehrheit der Beteiligten mittragen kann. Genau das ist mein Ziel. Aufgrund der Erfahrungen der letzten Wochen bin ich nach wie vor optimistisch, dass wir einen guten Weg finden werden.

Neben den Wünschen an die Universität Innsbruck sind ja viele Forderungen nach Wien oder auch darüber hinaus gerichtet. Welche Chancen sehen Sie da?

Je weiter weg der Adressat der Forderungen ist, desto schwieriger ist es. Auf Österreich bezogen wünsche ich mir aber schon, dass der begonnene Dialog auch ernst genommen wird. Ich glaube, wir brauchen eine Bildungsdiskussion, um uns auf die Herauforderungen der kommenden Jahre vorzubereiten. Hier gibt es viel Diskussionsbedarf und eine Frage ist sicher, wie man die Aufgaben besser verteilen kann. Konkret heißt das, wie können Fachhochschulen,  Universitäten und andere besser zusammenarbeiten. Ebenso wichtig ist es, den Stellenwert der Bildung, die die Basis einer modernen Gesellschaft darstellt, zu erhöhen und dies auch in den öffentlichen Budgets deutlich zu machen. Die Proteste der vergangenen Wochen haben hier die entsprechende Aufmerksamkeit erregt, nun liegt es auch an uns, Studierenden und Lehrenden, gemeinsam daran zu arbeiten, die Rahmenbedingungen an den Hochschulen zu verbessern. In vielen Punkten werden wir übereinstimmen, aber es gibt auch Themen, die ich als Rektor anders sehe. Aber genau so funktioniert Demokratie, dass man eben eine andere Meinung haben kann. Mit jenen Studierenden, die das akzeptieren, werde ich auch in Zukunft zusammenarbeiten.

Dieser Text gibt die Worte des Rektors der Uni Innsbruck, o. Univ.-Prof. Dr. Karlheinz Töchterle, in unveränderter Form wieder. stadt-wien.at dankt Rektor Töchterle für sein freundliches Entgegenkommen.

Beteiligen Sie sich am Beitrag, wir freuen uns:

Kommentar hinzufügen
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
weitere Meinungen
Keine Kommentare
  1. Stadt Wien
  2. Im Gespräch