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Euro 2008

Teamchef Josef Hickersberger

Josef Hickersberger, Weltenbummler und ÖFB-Teamchef, über seine Definition von Erfolg, die Beurteilung der Ausgangssituation und über seinen Umgang mit Kritik.

Erfolg und Motivation

Josef Hickersberger, Trainer der österreichischen Nationalmannschaft, spricht mit euro-fan.at über Erfolg und Motivation...

Herr Hickersberger, Sie führen unsere Nationalmannschaft zur Heim EM 2008. Was ist aus Ihrer Sicht Erfolg?
Meiner Meinung nach bedeutet Erfolg, wenn man aus den zu Verfügung stehenden Mittel das Optimum herausholt. Die Beurteilung von Leistung und Erfolg ist aber immer auch von der Erwartungshaltung abhängig, nicht nur von der eigenen, sondern auch von der öffentlichen.

Wie beurteilen Sie die Ausgangssituation?
Durch eine Analyse des Ist-Zustandes und einen Vergleich mit der Konkurrenz. Der nächste Schritt ist dann die Zielsetzung. Welches Ziel möchte ich erreichen und wie weit ist es auch realistisch. Das Ziel muss so hochgesteckt sein, dass es für alle Beteiligten gerade noch als erreichbar erachtet wird. Sich utopische und unrealistische Ziele zu setzen, bringt nur Frust. Nach der Zielsetzung folgt die Planung, mit welchen Schritten und Maßnahmen kommen wir ans Ziel.

Gibt es einen Faktor am Weg zum Erfolg, den Sie aufgrund ihrer Erfahrung heute nicht mehr ausführen würden?
Als meinen größten persönlichen Misserfolg sehe ich den Abbruch meines Jusstudiums. Ich habe einfach nicht den Willen aufgebracht habe, neben dem Training auch noch zu studieren. Eigentlich wollte ich mir mit dem Fußballspielen ein Studium finanzieren. Die Entscheidung das Studium abzubrechen, war letztlich eine logische Konsequenz aus Bequemlichkeit und Konzentration auf einen Job, der mir mehr Spaß machte. Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, ob ich mich als Fußballprofi durchsetzen kann.

Wie behandeln Sie Widerstände auf dem Weg zum Erfolg?
Widerstände machen eine Aufgabe für mich reizvoller. Ohne Widerstand besteht die Gefahr, eine Aufgabe zu unterschätzen und auf die leichte Schulter zu nehmen. Widerstände motivieren. Je größer die Widerstände, umso größer die Herausforderung.

Was ist aus Ihrer Sicht Teamarbeit, wie würden Sie diesen Begriff deuten?
Teamarbeit bedeutet für mich, dass alle Beteiligten bereit sind, für das gemeinsame Ziel hart zu arbeiten, Einzelinteressen dem Wohl der Mannschaft untergeordnet werden.

Wie haben Sie Teamarbeit als Spieler umgesetzt?
Ich war ein guter Mannschaftsspieler und habe dort gespielt, wo es für meine Mannschaft am besten war. Ob als Stürmer oder als Libero war mir egal, auch wenn meine Lieblingsposition im Mittelfeld lag. Für mich war wichtig, dass wir als Mannschaft gewinnen und nicht, dass ich als Einzelspieler gut aussehe. Im Fußball gibt es nur für Siege der Mannschaft Prämien, nicht für gute individuelle Leistungen.

Wie setzen Sie Teamarbeit heute als Trainer und Teamchef ein. Was beachten Sie dabei besonders?
Auf die Zusammensetzung meines Betreuerstabs lege ich großen Wert, weil nur so eine gute und vernünftige Zusammenarbeit gewährleistet ist. Loyalität und Vertrauen sind dabei  Grundvoraussetzungen. Ich möchte keine „Ja“-Sager als Mitarbeiter haben, sondern Leute, Spezialisten, die eigenständig ihren Aufgabenbereich erfüllen und mich auch auf eigene Fehler aufmerksam machen.

Wie motivieren Sie Ihre Mannschaft?
Motivation ist wichtig. Um eine Mannschaft zu motivieren, ist vor allem eine richtige Zielsetzung notwendig, da diese sie zur Eigenmotivation jedes Spielers führt. Wenn ein Spieler das gemeinsame Ziel als so lohnend und attraktiv erkennt, dass er aus eigenem Antrieb alles unternimmt, um dieses zu erreichen, dann ist er richtig motiviert. Ein Teamchef hat seine Spieler nicht oft zur Verfügung und kann daher nicht ständig mit ihnen arbeiten. Gerade deshalb ist Eigenmotivation für die Nationalspieler so wichtig. Sie müssen bei ihrem Verein an sich arbeiten und sich verbessern.

Herr Hickersberger, wie gehen Sie mit Kritik um?
Jeder Nationaltrainer steht in der Kritik, wenn die Ergebnisse den Erwartungen nicht entsprechen. Weil die Nationalmannschaft im Mittelpunkt des nationalen Interesses steht, fällt die Kritik schärfer aus als bei einem Vereinstrainer. Aber ich bin seit mehr als 40 Jahren im Fußball tätig und kann daher ganz gut mit Kritik umgehen. Kritik hat für mich Grenzen. Wenn Kritik persönlich oder beleidigend ist, denk ich mir meinen Teil über den Kritiker. Aber es gibt auch oft berechtigte, sachliche Kritiken, über die ich nachdenke und versuche, entsprechend darauf zu reagieren.

Herr Hickersberger, danke für das Interview und viel Erfolg für die EM 2008.

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