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Euro 2008

Herbert Prohaska: Lebende Legende

Herbert Prohaska im Interview mit euro-fan.at über die wichtigsten Stationen seiner Laufbahn, über Zielsetzungen, erfolgreiche Teamarbeit und Österreichs Chancen bei der EURO 2008.

Herbert Prohaska im Interview

Herbert Prohaska, welches waren die entscheidendsten Stationen Ihrer Laufbahn?

Ich habe mir immer stufenweise Ziele gesetzt. Das erste Ziel war, von einem kleinen Verein – Ostbahn 11 – zu einem großen Verein, zum Profifußball zu kommen, das ist 1972 mit der Austria passiert. Die nächste Stufe war dann, Stammspieler bei der Austria zu werden. Nachdem das geschafft war, wollte ich natürlich Nationalspieler werden, was mir auch relativ schnell gelungen ist. Schon nach zwei Jahren bei der Austria hatte ich mit 19 Jahren mein Debüt in der Nationalmannschaft. Mein nächstes Ziel war es dann, einmal bei einem großen Klub im Ausland zu spielen oder bei einer Weltmeisterschaft dabei zu sein. Beides ist passiert und die drei Jahre, die ich in Italien verbracht habe, haben mich für die Zukunft geprägt. Ich habe dort ein sehr professionelles Umfeld gesehen, in dem man sich ausschließlich auf Fußball konzentrieren konnte. Nebenbei habe ich eine Sprache gelernt. Auch finanziell haben mich diese drei Jahre sehr weitergebracht. 1989 habe ich meine aktive Karriere beendet, und 2000 habe ich nach elf Jahren als Trainer aufgehört. Heute, nach sieben Jahren, verdiene ich noch immer mit Fußball mein Geld. Ich bin dem Fußball sehr dankbar, weil er mir viel mehr gegeben hat, als ich jemals zurückgeben kann.

Stichwort Zielsetzungen: Haben Sie schon als junger Mensch mit 17 oder 18 Jahren gewusst, was Sie beachten müssen, um die gesetzten Ziele zu erreichen?

Ich würde gar nicht sagen, dass ich es damals schon bewusst erkannt habe oder schon gewusst habe, was ich machen werde. Ich war ganz einfach total auf Fußball fokussiert, für mich war Fußball mein Leben. Ich habe fast alles dem Fußball untergeordnet. Es war damals auch eine schwere Zeit, denn ich hatte viele Freunde, die mehrere Tage die Woche um die Häuser gezogen sind. Ich hatte aber Eltern, die darauf bestanden haben, dass ich nicht zu spät heimkomme. Später habe ich darauf dann selbst geachtet. Ganz wichtig: Ich habe mit 19 Jahren geheiratet. Natürlich nicht, um Fußballkarriere zu machen, sondern aus Liebe, aber das war eine meiner allerbesten Entscheidungen. Man übernimmt automatisch Verantwortung. Wenn du eine Frau und Kinder hast, kannst du an viele andere Dinge nicht denken. Ich konnte mich dadurch voll auf den Fußball konzentrieren.

Sie haben heute auch mit vielen jungen Menschen zu tun, die in den Beruf des Fußballers hineinwachsen. Wo liegt der Unterschied zwischen damals, als Sie sich Ziele gesteckt haben und diese auch erreicht haben und heute? Machen die Jungen heute etwas falsch?

Der Fußball hat sich auf alle Fälle durch das Bosman-Urteil  sehr gewandelt. Es sind viele Elemente in den Fußball gekommen, die es den Jungen aus meiner Sicht erschweren. Jeder hat heute einen Manager, einen Berater, der den Eltern schon, wenn die Kinder 14, 15 Jahre alt sind, den Kopf vollschwatzt, den Eltern verspricht, ich mach’ den Buben zum Millionär. Ich glaube, dass die Buam heute vergessen haben, dass man sich in jedem Beruf zu einer Spitzenposition oder zu einer Spitzengage erst hindienen muss.

Und dass man sich zu einer solchen auch hinlernen muss?

Ja, ganz bestimmt. Du kannst noch so ein großes Talent sein, aber mit 17, 18 Jahren bist du noch lange kein fertiger Spieler. Du musst immer bereit sein, an dir zu arbeiten, um noch besser zu werden. Der größte Fehler ist, sich mit irgendetwas zufrieden zu geben. Ich persönlich habe mich nie mit etwas zufrieden gegeben, auch nicht mit meiner besten Leistung. Ich habe immer versucht, noch besser zu spielen. Auch bei der Gage habe ich immer versucht, eine Verbesserung zu erreichen. Natürlich war ich mit der Bezahlung zufrieden, aber wenn ich mehr bekommen wollte, dann war das nur über Leistung möglich, und das habe ich versucht. Heute verdient ein junger Spieler relativ schnell gut und wird schnell ungeduldig. Auch das muss man lernen: Dass man nicht, nur weil man talentiert ist, immer spielt, auch wenn es Publikum oder Medien fordern. Man muss ganz einfach besser sein als die anderen, das muss der Antrieb sein.

Stichwort Teamarbeit: Sie haben als Spieler und als Trainer Teamarbeit geleistet. Gibt es Faktoren, von denen Sie sagen, dass sie wesentlich für erfolgreiche Teamarbeit sind?
 
Man muss unterscheiden zwischen Klub und Nationalmannschaft. Beim Klub ist die Teamarbeit relativ leicht, weil die Spieler jeden Tag die selben sind, jeden Tag zusammen trainieren. Bei der Nationalmannschaft ist es schwieriger, denn da kommen von den Vereinen die verschiedensten Spieler. Das Wichtigste ist, dass jedem bewusst ist, dass das gesamte Team wichtig ist und nicht der Einzelne. Das fängt bei denen an, die nicht spielen. Wer nicht spielt, ist natürlich enttäuscht, aber er darf seine Mitspieler das nicht merken lassen und muss sich auf der Bank genauso mitfreuen, wenn seine Kollegen erfolgreich sind. Wenn du Leute auf der Bank hast, die sich nicht ständig in der Öffentlichkeit darüber beschweren, ist das schon einmal Teil guter Teamarbeit. Außerdem gehört zu einem Team ein Ganzes dazu. Den höchsten Anteil haben die Spieler, aber es gibt auch noch Ärzte, Physiotherapeuten, Zeugwart etc. Das Ganze muss funktionieren, damit die Spieler sich voll auf ihre Aufgabe konzentrieren können.

Wie wurde denn in Ihrer Zeit in Italien Teamarbeit erfolgreich umgesetzt? Gibt es da Punkte, die man heute noch beispielhaft herausgreifen kann, weil sie funktioniert haben?

In Italien durften zunächst einmal 20 Jahre lang keine Ausländer im Land spielen. Ich war damals, 1980, der erste Ausländer, der wieder verpflichtet wurde. Damals durfte jeweils nur ein Ausländer pro Mannschaft spielen. Ich habe damals die italienische Philosophie und Professionalität kennen gelernt. Es wurde alles unternommen, damit sich der Ausländer, der die Sprache noch nicht beherrscht, schnell wohl fühlt, damit er seine Leistung bringen kann. Ich hatte jede Woche zwei oder drei Einladungen zum Essen, die Spieler haben sich sehr um mich gekümmert, und für ein halbes Jahr wurde mir ein Dolmetscher zur Seite gestellt. Deshalb hatte ich auch vom Start weg keine Probleme bis auf die Sprache, die ich aber nach einigen Monaten zumindest so weit beherrscht habe, dass ich mich mit jedem verständigen konnte.

Gab es in Ihrer Zeit als Trainer Punkte, die Sie in der Teamarbeit einsetzen konnten und deren Erfolg Sie dann auch sehen konnten?

Ein Trainer muss heute auch ein bisschen ein Psychologe sein, weil er es ja mit 20 verschiedenen Charakteren zu tun hat. Er muss versuchen, sehr schnell herauszufinden, wie jeder charakterlich ist. Man kennt einen Spieler vielleicht fußballerisch, deshalb aber noch nicht unbedingt menschlich. Man redet ja immer gern von Motivation. Es gibt viele Trainer, die ihre Aufgabe nur darin sehen, an den Fehlern zu arbeiten und den Spielern diese Fehler aufzuzeigen. Ich habe das natürlich auch gemacht, aber das Verhältnis war bei mir immer 50:50. Ich habe den Spielern auch gesagt, was sie gut gemacht haben. Einer der wichtigsten Motivationsfaktoren ist, jemandem das zu sagen. Gelobt werden wollen wir ja alle, deshalb müssen sich Kritik und Lob die Waage halten.

Stichwort Europameisterschaft 2008: Wie sehen Sie die unmittelbare Zukunft im Hinblick auf die Heim-EM?

Zunächst einmal muss man festhalten: Die Europameisterschaft wird für das Land und für die Klubs ein großer wirtschaftlicher Erfolg, davon bin ich überzeugt. Es wird auch ein riesengroßer sportlicher Erfolg, unabhängig davon, wie Österreich abschneidet, denn es werden Unmengen von Menschen in unser Land kommen und werden diese Europameisterschaft zu einem Riesenfest machen. Ich hoffe nur, dass wir in Österreich vorbereitet sind auf den Fanansturm. Ich erinnere mich zum Beispiel, dass im letzten Jahr bei der WM in Deutschland 80.000 englische Fans zu einem England-Match gekommen sind, wobei nur 20.000 davon eine Karte hatten. Die anderen 60.000 wollten sich dann natürlich auch irgendwie unterhalten, und ich hoffe, dass wir auf Derartiges vorbereitet sind.
Was Österreich gelingen muss, ist ganz klar: Das Team hat jetzt noch sieben oder acht Spiele, und in diesen Spielen muss man ganz einfach Resultate bringen, die die Leute wieder an uns glauben lassen. Die Leute müssen daran glauben, dass wir in einem vollen Happel-Stadion in der Lage sind, eine Top-Sensation zu bringen. Wir kennen unsere Gruppengegner noch nicht, aber klar ist: Bei der Europameisterschaft herrscht ein sehr hohes Niveau, fast noch höher als bei der WM, wo du unter Umständen den einen oder anderen Exoten in deiner Gruppe haben kannst. Das spielt’s bei der Europameisterschaft nicht, da kommen die Top-Nationen, aber wir können sicher mit zwei, drei Ergebnissen wieder eine Euphorie entfachen, damit die Leute sagen: Ich glaube daran, wir schaffen eine Sensation. Im Fußball geht das manchmal ganz schnell. Manchmal glaubst du, da geht gar nichts, und auf einmal gibt es einen Ruck in der Mannschaft, weil ein gutes Resultat erspielt wird und schon ist wieder alles anders.

Haben Sie einen Tipp für junge Spieler, die am Anfang ihrer Karriere stehen, was sie besonders beachten sollen?

Erstens muss man mit Freude jeden Tag zum Training gehen, man muss sich auf das Fußballspiel und aufs Training freuen, man muss dem Fußball fast alles unterordnen. Wenn man dazu noch ein wenig Talent hat, dann schafft man es auch. Zweitens muss man am Anfang der Karriere auch einfach geduldig sein und an sich selbst glauben. Man darf nicht frühzeitig aufs Geld schauen, sondern muss zuerst einmal darauf schauen, wie gut man ist und wie gut man noch werden kann. Das Geld läuft einem sowieso nicht davon. Das kommt irgendwann von alleine dazu.   

Wie soll man sich aus Ihrer Sicht bei einer größeren Krise verhalten, um wieder an den alten Erfolg anschließen zu können?

Das Schöne am Fußball ist, dass man Woche für Woche zeigen kann, was man drauf hat. Es wird natürlich auch negative Phasen geben, aber man muss nur an sich selbst glauben und sich bewusstmachen: Ich kann das, es gelingt mir zwar im Moment nicht, aber ich bringe das wieder. Ganz wichtig ist für einen Profi auch der Umgang mit dem Geld. Mein Prinzip war immer, mir über die Zeit nach der aktiven Karriere Gedanken zu machen, denn diese ist ja für einen Profisportler begrenzt. Ein Fußballer hat im Schnitt 15 Jahre. In diesen 15 Jahren wird er, wenn er gut ist, zehn Jahre gut verdienen. Er sollte sich darüber Gedanken machen, welchen Lebensstandard er nach dem Aufhören halten möchte.

Gibt es wesentliche Ziele, die Sie persönlich heute verfolgen?

Ich war 17 Jahre Profispieler, 11 Jahre Profitrainer, das sind 28 Jahre, praktisch ein Großteil meines Lebens. Das waren wunderschöne Jahre, aber seit sieben Jahren bin ich auf der anderen Seite tätig, aber Gott sei Dank noch immer im Fußball. Ich arbeite für die Bundesliga und für die Red-Zac-Liga, ich bin beim ORF und bei der Kronen-Zeitung. Damit bin ich sehr zufrieden, weil es mir etwas mehr Lebensqualität gibt. Ich verdiene zwar nicht mehr so viel wie als Spieler oder als Trainer, aber dafür habe ich habe keinen Stress mehr und muss mir nicht den Kopf zerbrechen. Ich schlafe gut, ich muss nicht mit großer Kritik umgehen und vor allem habe ich jetzt auch mehr Zeit für die Familie. Ich habe zum Beispiel jetzt für meine zwei Enkelkinder um einiges mehr Zeit als früher für meine eigenen Kinder, weil ich damals noch voll im Profibetrieb und sehr viel von zu Hause weg war. Das genieße ich, und wenn ich die Jobs, die ich jetzt mache, in Zukunft weiter halten kann, dann bin ich glücklich.

Stichwort Talentsuche: Vor vielen Jahren kamen die Talente von der Straße. Sehen Sie die Talentsuche auf der Straße auch heute noch als interessante Möglichkeit zur Entdeckung von Spielern an? Soll man in dieser Richtung mehr Aktivitäten setzen? In Österreich werden derzeit wieder viele Minicourts installiert. Ist das eine Schiene, an der man wieder anknüpfen kann?

Alles, was in dieser Richtung gemacht wird, ist positiv. Auf der Straße wird man heute aber keine Spieler mehr entdecken, weil kein Platz mehr da ist. Die Zeiten haben sich auch – zum Glück – verändert. Früher konntest du fast nur Fußball spielen, heute kannst du Tennis spielen, Golfen, Reiten, der Wohlstand ist heute höher. Gleichzeitig sind aber auch die schulischen Anforderungen wesentlich höher. Es ist für die Kinder heute schwerer, die Talente bleiben aber auch heute nicht verborgen, weil es Leistungszentren, Akademien, Sporthauptschulen, usw. gibt. Es rutscht also kein Talent wirklich durch, davon bin ich überzeugt. Es ist aber schwieriger geworden, die Kinder dazu zu bewegen, sich ausschließlich auf Fußball zu konzentrieren, weil es so viel anderes gibt. Durch Computerspiele, Fernsehen etc. gibt es heute viel Konkurrenz. Eine meiner Forderungen war deshalb seit jeher die tägliche Turnstunde. Turnen ist genauso wichtig wie Mathematik oder Englisch. Wir dürfen nicht vergessen: Die Kinder, die keinen Sport betreiben, werden uns später in der medizinischen Behandlung viel mehr Geld kosten, wenn wir sie heute nicht zum Sport bringen.

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