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Euro 2008

Alfred Ludwig bei euro-fan.at

ÖFB-Generalsekretär Alfred Ludwig im Gespräch mit euro-fan.at über das kommende Turnier, die Nachwuchsarbeit des ÖFB und Beiträge zum Anheizen der EURO-Begeisterung.

Alfred Ludwig im Interview

ÖFB Generalsekretär Alfred Ludwig im Gespräch mit euro-fan.at.

Herr Ludwig, welches waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten Stationen Ihrer Laufbahn?

Ich habe 1972 die Pädagogische Akademie abgeschlossen und war dann zehn Jahre Lehrer und nebenbei freier Journalist. Von 1981 bis 1986 war ich Pressechef beim ÖFB. 1986 wurden mir dann von Beppo Mauhart die Agenden des Generalsekretärs übertragen. Wir haben damals in einer alten „Hüttn“ in der Mariahilferstraße logiert. Im Winter 1989/90 sind wir dann mit Echtbetrieb 2. Jänner ins Stadion übersiedelt. In dieser Phase haben wir 2 WM-Qualifikationen geschafft und 4 Europacup-Endspiele nach Wien geholt, wobei uns eines Salzburg durch seine sportliche Leistung im UEFA-Cup 1994 geschenkt hat. Für die anderen drei in den Jahren 1987, 1990 und 1995 mussten wir uns bewerben. Das erste Champions-League-Finale zu bekommen war eine relativ große Auszeichnung. Wir haben uns dann drei Mal beworben für die EURO, einmal für England mit bescheidenen Mitteln und eigentlich ohne echte Chance, damals war England der klare Favorit. Ganz seriös war die gemeinsame Bewerbung Österreichs und Ungarns für 2004. Hier wurde sehr professionell gearbeitet, aber leider hat Portugal damals den Zuschlag bekommen. Erfreulicherweise haben wir dann gemeinsam mit der Schweiz die EURO 2008 bekommen. Diese wird für uns alle ein einmaliges Ereignis, das werden wir kein zweites Mal mehr erleben.

Was sind die wichtigsten Aufgaben eines Generalsekretärs des ÖFB?

Der Generalsekretär ist das operative Entscheidungsgremium im ÖFB. Die echte politische Entscheidung fällt im Präsidium als geschäftsführendes Organ. Diesem steht der Präsident vor. Dann gibt es noch einen Bundesvorstand, das ist das Aufsichtsgremium des ÖFB, das die Budgets überwacht und freigibt. Der Generalsekretär ist operativ mit seinem Team von rund 30 Leuten dafür verantwortlich, dass das, was im Fußball in Österreich notwendig ist, passiert: Vom Meldewesen über Finanzen, Organisation von Spielen bis zur Jugendarbeit. Dafür gibt es jeweils Abteilungsleiter. Ich habe zum Beispiel eine eigene Rechtsabteilung eingeführt, diese gab es früher nicht. Wir haben auch Reinhard Nachbagauer zurückgeholt, der schon früher Geschäftsführer der Liga war. Er ist als mein Stellvertreter für alles verantwortlich, was Organisation, Match, Spielbetrieb, Schiedsrichterwesen, etc. betrifft. Weiters gibt es den Bereich Sport mit dem technischen Direktor Willi Ruttensteiner. Er deckt alles ab bis zur U21-Nationalmannschaft, was Sportmanagement, Sportvorbereitung, Konzepte betrifft. Mir bleibt dann die koordinierende Aufgabe. Ich habe die geschäftsführenden Gremien vorzubereiten, und vor allem die gesamte Vermarktung des ÖFB und alle Begleiterscheinungen wie Fernsehen etc. fallen in meinen Aufgabenbereich.

Welche Punkte muss man besonders beachten, um ein Team erfolgreich führen zu können? Gibt es besondere Punkte, die Sie beachten wenn Sie jemanden in Ihr Team holen?

Ich beachte in erster Linie seine Bereitschaft, nicht auf die Uhr zu schauen, seine Kollegialität und vor allem das Fachwissen. Letzteres ist ja entscheidend: Zuerst wird ja einmal abgecheckt, ob ein Bewerber für die spezielle Aufgabe fachlich geeignet ist. Es hätte zum Beispiel keinen Sinn, wenn ich mir zumuten würde, technischer Direktor des ÖFB zu sein, ohne je eine Trainerausbildung gehabt zu haben. Fremdsprachenwissen spielt bei uns auch eine große Rolle. Wir sind nun einmal international tätig, wir verkehren mit UEFA, FIFA, gegnerischen Verbänden etc., daher muss ein Bewerber Englisch können. Ohne Englisch in Wort und Schrift ist eine Position im ÖFB undenkbar außer vielleicht im Finanzwesen, und selbst dort wäre es problematisch. Weiters vergewissere ich mich natürlich bei jedem Bewerber, ob er teamfähig ist. Er muss bereit sein, auch dort anzupacken, wo Not am Mann ist. Er muss mit seinen Mitarbeitern vernünftig umgehen, er muss sie ordentlich führen können und er muss sich mit dem Unternehmen identifizieren. Wer kein Herz für den Fußball hat, kann diesen Job nicht ausüben.

Welche besonderen Faktoren haben Sie persönlich aufgrund Ihrer langjährigen Erfahrung wesentlich eingesetzt, um ein Team erfolgreich führen zu können?

Meine Philosophie ist: Wenn ich einem Menschen eine Aufgabe übertrage, ist er dafür verantwortlich, und dann pfusche ich ihm nicht mehr drein, sondern ich sage: Übernimm das Projekt, so stellen wir es uns vor, dann diskutieren wir es, und dann erwarte ich, dass ich  kurz informiert werde, wie der Projektfortschritt ist. Und wenn es ein Problem gibt, muss es angesprochen werden, um rechtzeitig eingreifen zu können. Ich bin aber nicht der Typ, der jedem hinterher rennt und sagt: Hast du das oder jenes gemacht? Ich hole mir nicht Spezialisten, um meine Meinung einzubringen. Wenn ich das wollte, könnte ich mich genauso gut alleine hinsetzen und mir 50 Sekretärinnen nehmen.

Bei einem derartig großen Apparat, wo so vieles zu koordinieren ist, ist die Gefahr, dass jemand Fehler macht, relativ groß. Welche Strategien haben Sie, um das zu vermeiden?

Ich frage einfach, wie die Projekte stehen. Ich lasse mir berichten, was die Leute tun, wo sie hängen, wo sie Hilfe brauchen, und ich delegiere dann nur mehr. Bestes Beispiel: Die U19-EM in Oberösterreich. Die U19 ist ein Spezialgebiet für den Nachwuchs, sie müsste eigentlich von der technischen Abteilung gelöst werden. Das ist aber nicht möglich, weil wir dann personell ausweiten müssten. Also habe ich vor der U19-EM Vorschläge eingeholt, wie wir trotzdem ein perfektes Turnier zustande bringen. Die Lösung war, dass der oberösterreichische Verband eingriff. Einerseits mit Spezialisten, andererseits mit Leuten von meinem Büro, die zur Verfügung gestellt wurden, etwa für Protokoll, Presse, Transport, Werbung etc. Ich habe die Leute freigestellt, damit sie vor Ort in Oberösterreich helfen konnten. Wir haben in der Zwischenzeit in Wien koordiniert: Wo haben wir Leute ausgeliehen, wie können andere Bereiche mithelfen, damit wir personell durchkommen? Und das ist meine Aufgabe: Dafür zu sorgen, dass egal, was passiert, überall die nötigen Leute mit dem richtigen Know-How vor Ort sind, und dass der Betrieb aufrecht bleibt.

Thema EURO 2008: Gibt es eine persönliche Zielsetzung die Sie erreichen wollen? Was wäre aus Ihrer Sicht eine erfolgreiche EURO 2008?

Eine erfolgreiche EURO 08 ist es, wenn sich das Publikum wohl fühlt, wenn Österreich und die Schweiz sich als tolle Gastgeber erweisen, wenn es in den Städten Partystimmung gibt, wenn das Public Viewing funktioniert, und wenn der ÖFB seinen Aufgaben perfekt nachkommt. Was ich mir sportlich wünsche, ist, dass die Nationalmannschaft in die zweite Runde kommt.

Stichwort Partystimmung und Euphorie: Was tun Sie als ÖFB-Generalsekretär, um diese Euphorie schon im Vorfeld anzuheizen?

Es gibt mehrere Punkte, zum Beispiel die Aktion Superklub: Wir haben alle österreichischen Vereine eingeladen, sich zum Thema EURO Gedanken zu machen, Werbung zu machen auf den ganz kleinen Sportplätzen. Das ist ganz wichtig für uns, denn dort liegt die Zukunft. Der Amateursport soll  auf diese Weise eingebunden werden. Wer bei dieser Aktion gewinnt, bekommt ein Gratis-Spiel gegen die Nationalmannschaft, und die Einnahmen gehören zur Gänze ihm. Parallel dazu gibt es „Österreich am Ball“, eine Initiative, die wir noch in der Vorgängerregierung der jetzigen initiiert haben. Ein weiterer Punkt ist die Eigeninitiative der vier Host Cities. Diese tun das Ihre dazu. Ich kann nur dieses ewige Gejammer nicht mehr hören, vor allem von den so genannten Experten. 100 Tage vor Beginn der WM 2006 stand in allen deutschen Zeitungen, die Stadien seien lebensgefährlich, zur WM würden nur Hooligans kommen, und die deutsche Nationalmannschaft solle nicht mitspielen, weil sie gegen Italien mit 1:4 verloren hatten, und Klinsmann solle zurücktreten. Heute vergisst man das. Ich freue mich auch nicht im Juli schon auf Weihnachten, das fängt im Advent an. Und wir können nicht künstlich Stimmung erzeugen, das ist ein Wachstumsprozess. Je näher das Ereignis rückt, desto intensiver wird die Berichterstattung. Wir haben ja auch sportlich den Beweis erbracht: Das Spiel gegen Tschechien war in Ordnung. Es war zwar nicht Weltklasse, aber seitdem ist auch die Stimmung wieder positiv.

Im Fußball gibt es Höhen und Tiefen. Haben Sie ein eigenes Rezept, um Tiefen abzufangen oder möglichst zu vermeiden?

Die Tiefen kommen durch Fehler. Diese muss man nach Möglichkeit vermeiden, aber das ist sehr schwer, denn es gibt niemanden, der keinen Fehler macht. Selbst Computer irren, wenn man sie falsch programmiert hat. Mit Fingerspitzengefühl kann man feststellen, wo sich ein Trend abzeichnet, bei dem man dagegensteuern muss. Man ist hier aber sehr auf handelnde Personen angewiesen, auf die Disziplin der Kommunikation. Fußball ist eines der interessantesten Spiele und deshalb so populär, weil jeder sich auskennt. An jedem Wirtshaustisch erklärt dir jeder, wie er spielen würde. Nur: Wenn man selber die Verantwortung hat als Trainer, als Spieler, als Kapitän, als Bundestrainer, dann ändern sich die Sichtweisen relativ rasch, weil man dann mit den wirklichen Problemen konfrontiert wird.
 
Drei Schlagworte: Fußball, Jugend, Zukunft. Wo können Sie hier in Ihrer Position unterstützend eingreifen und planen?

In der Ära Mauhart beginnend wurde der österreichische Weg eingeschlagen. Wir haben aus internationaler Erfahrung heraus gesehen: Es ist viel zu spät, wenn wir uns um die 16-, 18-Jährigen kümmern. Wenn ein Spieler bis zu diesem Alter nicht das technische Rüstzeug gelernt hat, dann hat er meistens Mängel, und es bleiben nur noch die so genannten Jahrhunderttalente übrig – man denke an Prohaska, Schachner, Pezzey – die keine Akademien gehabt haben und trotzdem großartige Fußballer geworden sind. Der österreichische Weg wurde 2002 bei der Generalversammlung optimiert mit dem Projekt Challenge: Wir beginnen in den Landesausbildungszentren mit den 12- bis 14-Jährigen, ziehen diese in die Bundesnachwuchszentren und Akademien hinein und führen das im Rahmen des Challenge-Projekts weiter bis zur Schnittstelle Jugend-/Profifußball. Ich will nicht sagen, dass die U20 bei der WM in Kanada nicht so gute Ergebnisse geliefert hätte, wenn sie das Projekt Challenge nicht gehabt hätte, aber eines steht fest: Optimaler ist noch nie eine Mannschaft vorbereitet und betreut worden. Dieses Modell greift. 2008 ist es dann zu Ende, und dann wird evaluiert. Wo es Verbesserungsmöglichkeiten gibt, werden wir diese im Rahmen eines neuen Projekts ergreifen. Unsere Zielsetzung muss sein, beste Ausbildungsbedingungen für Jugendliche zu haben. Das Wichtigste ist uns die Zusammenarbeit mit Landesverbänden, Bundesliga und Vereinen, denn der Schnittpunkt Jugend-/Profifußball ist der wichtigste für den gesamten Sport.

Werden Teile aus den positiven Erfahrungen mit der Challenge auch bei der Nationalmannschaft schon in der Vorbereitung angewandt?

Selbstverständlich. Die durch die Challenge ermöglichten Erfolge gilt es jetzt im Nationalteam fortzusetzen. Daher haben wir auch hier Sondertrainer, Physiotherapeuten, medizinischen Ausbau, Datenbanken, Individualtrainer und längere Vorbereitungszeiten. Noch nie in der Geschichte hat eine Nationalmannschaft so viele Länderspiele gespielt wie jetzt. Es ist uns auch gelungen, fast alle Testspielgegner nach Hause zu bringen. Einen Vizeweltmeister in Paris nimmst du natürlich immer, und das Schweiz-Rückspiel ist eine freundschaftliche Formalität. Die restlichen Spiele sind aber zu Hause. Es hat viel Geld gekostet, diese Mannschaften einzukaufen, aber das war uns egal. Wir haben gesagt, hier zählt der Wunsch von Teamchef Josef Hickersberger, und was der Teamchef will und wir zahlen können, wird budgetiert. Jede Mannschaft, die sich auf so ein Turnier vorbereitet, muss beste Bedingungen haben, wie sie der Teamchef will.

Waren Sie selbst aktiver Fußballer?

Ich habe es im Jugendbereich bis zur Vienna geschafft, die damals eine sehr, sehr gute Jugendmannschaft hatte. Das Talent hat für ganz oben nicht gereicht, ich bin daher wieder zu meinem Stammverein NAC zurückgegangen und habe dort mit gemischtem Erfolg gespielt. Ich habe dann irgendwann gemerkt, dass Beruf und Fußball sehr schwer unter einen Hut zu bringen waren und darum aufgehört. Ich habe aber meine Liebe zum Fußball nie verloren und später als Lehrer auch eine Zeitlang eine Schülerliga-Mannschaft betreut. Ich habe dann später gemerkt, dass ich Organisationstalent und Gespür für Vermarktung habe und habe begonnen, journalistisch zu arbeiten. Später habe ich mich dann entschieden, dass mir das mehr Spaß macht, und ich bin als Pressesprecher beruflich in den Fußball eingestiegen.

Darf man als ÖFB-Generalsekretär ein Herz für einen bestimmten Verein haben?

Ich lasse mir von niemandem verbieten, zu sagen, dass ich sehr mit Rapid sympathisiere, weil diese Art, Fußball zu leben, genau meiner entspricht. Sich zu einem Sport und zu seiner Mannschaft zu bekennen, in schlechten und in guten Zeiten für sie einzustehen, das hat Rapid immer ausgezeichnet. Ich habe aber nie verhehlt, dass ich auch einen Herbert Prohaska in der glorreichen Austria-Zeit bewundert habe. Beruflich ist mir aber jeder Klub gleich wichtig. Ich würde für Salzburg, für Tirol, für Sturm die selben Leistungen als ÖFB-Generalsekretär erbringen wie für meinen Lieblingsklub. Wenn ich ins Stadion gehe, werde ich mir auch wahrscheinlich keinen grünen Schal umhängen und Luftsprünge machen, wenn Rapid ein Führungstor gegen einen anderen Klub schießt, sondern ich werde mich still freuen.

Letzte Frage: Gibt es einen Rat, den Sie jungen Fußballkids mitgeben wollen, die gerade am Anfang stehen?

Durchbeißen und Fußball spielen, egal auf welchem Niveau. Sport, vor allem Mannschaftssport, hilft dir mörderisch fürs Leben. Man muss sich in einer Mannschaft unterordnen, man muss miteinander spielen, man ist kein Solist. Das prägt junge Menschen, es hält sie weg von Drogen, Alkohol und Nikotin. Nicht jeder kann Profi werden, aber jeder, der gern Fußball spielt, hat ein Ziel. Die Jungen sollen nicht vergessen, dass es von 450.000 Fußballern in Österreich nur rund 400 zum Profi schaffen. Es werden aber auch nicht acht Millionen Österreicher Generaldirektor. Daher sollte man nie die Schule oder die Planung des Berufsweges vernachlässigen. Die Profientscheidung sollte immer von einer ordentlichen Berufsausbildung begleitet sein.

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