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Bildung Text: Dr. Elisabeth Rössel-Majdan

Persönlichkeitsentwicklung statt Wissensdeponie

Dr. Elisabeth Rössel-Majdan ist die Leiterin der Friedrich Eymannschule (Waldorfschule) und des Oberstufenrealgymnasiums Rudolf Steiner in Hietzing. Mit stadt-wien.at sprach Sie über die heutigen Anforderungen an junge Menschen und den Weg der Reformpädagogik.

Links Dr. Rössel-Majdan, rechts der Eingang des ORG Rudolf Steiner.
Dr. Rössel-Majdan gründete das ORG Rudolf Steiner und leitet es seither.

Im Zeitalter des Computers können wir Wissen leicht abrufen. Ist es aber genug den Apparat bedienen zu könne und zweckorientiert zu handeln um Mensch zu werden? Es ist nicht selbstverständlich, dass Kinder zu Menschen, zu gebildeten und sich immer weiter bildenden, sich führenden Menschen werden!

Reformpädagogik: Nötiger denn je

Die Reformpädagogik des beginnenden 20. Jahrhunderts, beispielsweise die Waldorfschulen nach Rudolf Steiner, bemühte sich auf verschiedenen Wegen die Entwicklung des jungen Menschen nicht zu hemmen und ihm hilfreich zur Seite zu stehen. Entscheidend für die jeweiligen pädagogischen Maßnahmen ist das der Pädagogik zugrundeliegende Menschenbild.

So verwundert es nicht, dass eine ausschließlich materialistische Vorstellung des Menschen nur seine Verwendbarkeit in der Gesellschaft im Auge hat, seinen Organismus als eine Art Maschine auffasst und daher vieles nicht wahrnimmt, was als hemmend und sogar schädigend auf die Entwicklung des jungen Menschen  einwirkt und seine individuelle Entwicklung behindert. Die heutige Erwachsenenwelt und Jugend ist zum Großteil das Resultat der durchlaufenen Schulbildung. Ich glaube nicht, dass wir beruhigt und zufrieden auf die Zukunft unserer europäischen sogenannten „gebildeten“ Menschheit blicken können. Die Anforderungen an den einzelnen Menschen werden immer härter, eine soziale Krise zeichnet sich ab, Arbeitslose werden mehr und die wirtschaftliche Produktion kann nicht ins unendliche wachsen. Der Mensch und die Bedeutung der Bildung droht überrollt zu werden.

Zurecht besorgte Eltern wollen ihr Kind durch die Schule bestmöglich auf das Leben und seine Härten vorbereitet wissen und wählen oft die Schule, die „viel verlangt“, viel abrufbares Wissen, möglichst früh den Umgang mit dem PC usw.

Der sichere Umgang mit allen Anforderungen und „Härten“ ist aber nur für einen vielseitig, harmonisch entwickelten Menschen möglich. Mehr denn je ist ein waches Bewusstsein und Erkennen, Kreativität, Verantwortungsgefühl, Durchhaltevermögen und innere Beweglichkeit notwendig; neben vielen anderen Begabungen und Fähigkeiten, die die Persönlichkeit und Individualität des einzelnen Menschen ausmachen.

Waldorfpädagogik in der Grundschule

Nachdem das Kind in seiner Einzelentwicklung (Ontogenese) die Menschheitsentwicklung (Phylogenese) nachmacht, sollte der Unterricht darauf Rücksicht nehmen. Die Kinder in der ersten Klasse „erfinden“ die Schrift exemplarisch neu. Wie die Menschheit die Schrift aus der Zeichnung entwickelte, so wächst der Buchstabe aus dem Bild, wie in Abbildung 1 dargestellt.
Farbige, große Bilder werden erstellt und mit viel Hingabe gestaltet. Wir nehmen uns Zeit für diesen Vorgang, denn wir wissen, dass diese Liebe zur Sache Konzentration wird.

Zeichnungen einer Sonne und einer arabischen 2, Wellen die zum Buchstaben W verlaufen, Flammen, die zum Buchstaben F werden. Römische Zahlen, statt römisch 4 eine Hand, vor römisch 10 verschränkte Arme.
Die Abbildungen illustrieren, wie an der Waldorfschule gelernt wird.

In Mathematik „erfinden“ wir die Zahlen wie die Römer für jedes Mal Klatschen, Hüpfen, Schreiten ein Strich, so dass ein phonetisches Bild entsteht (Abbildung 2).

Die Einführung der arabischen Ziffern erfolgt, wie die Buchstaben, aus Geschichten und Bildern (Abbildung 3).

Wir gehen von einer Zahl aus und stellen sie verschieden dar, mit Muscheln, Nüssen, etc. (Abbildung 4).

Diese Unterrichtsart braucht Zeit und Erleben. Sie bildet Fähigkeiten für später: Konzentration, Kreativität, Ordnung, ein ästhetisches Gefühl für Zahlenformen usw. Inter-esse (lat. darinnen-sein). Dieser Zustand ist im vertieften Spiel ebenso anzutreffen wie in der Forschungsarbeit oder künstlerischen Tätigkeit. Er muss entwickelt und bewahrt werden. Nicht das schnelle Resultat bildet, sondern die gemüthafte, sorgfältige Tätigkeit, die gegen Nervosität und Legasthenieneigung ankämpft. Der Volksschüler lebt noch stark in der Nachahmung, in der Bewegung, im szenischen Spiel „lernt“ er ver-stehen.

Vieles, was nach „Herumspielen und Malen“ aussieht, ist eigentlich ernsthaftes Lernen und zeigt später seine Wirkung. Waldorfschüler sind oft Akademiker, jedenfalls fleißige, begeisterte Menschen, die einen Sinn im Leben finden.
Die Frage nach dem Wesen des heutigen Menschen steht nach wie vor im Mittelpunkt und wird gerne übersehen, indem von Anforderungen ausgegangen wird, die in die Schule hineingetragen werden, ohne die langfristigen Folgen für die Entwicklung des einzelnen zu erkennen (vgl. Manfred Spitzer, Die digitale Demenz).

Für das Leben solten wir lernen, nicht für die Schule

Das Ziel, den jungen Menschen zur Freiheit und Selbstbestimmung zu führen, verlangt Vorbereitung und Übung. Entwicklung ist so etwas wie ein verlängerter Geburtsvorgang und braucht besonders zu Beginn eine Schutzzone: Aus der körperlich-seelischen Einheit mit der Mutter zum Erleben der psychischen Umwelt, in der noch lange Zeit die Zugehörigkeit, das Miterleben mit der Mutter und nächsten Umgebung eine starke Wirkung auf die Entwicklung ausübt. Das Mitmachen wird zur Nachahmung und zur Nachfolge in der Schule. Das wiederum verpflichtet uns Erwachsene dazu Vorbild zu sein, an uns zu arbeiten.

Für das Kind den Anschluss an das heutige Leben zu ermöglichen um es weiter gestalten zu können, sollte die Aufgabe der Schule sein. Wir brauchen lebenstüchtige, kreative und ausdauernde Menschen, die nicht nur für Stundenlohn arbeiten, sondern für Visionen und Überzeugungen, die nicht Lebensprozesse mit mechanischen Prozessen verwechseln und gelernt haben starke Gefühle zu entwickeln mit einer klaren Orientierung, wohin sich der immer in Entwicklung begriffene Mensch bewegt.

Es ist erstaunlich, dass in Österreich der Gründer einer weltweit äußerst erfolgreichen Waldorfpädagogik, Rudolf Steiner, beharrlich totgeschwiegen wird. Die Friedrich Eymannschule (Waldorfschule) und das Oberstufenrealgymnasium Rudolf  Steiner in Hitzing sind ein Kompromiss mit der öffentlichen Schule und ermöglichen den Schülern nach 12 Jahren die Schule mit einem staatlichen Reifeprüfungszeugnis zu verlassen.

Autor: Mag. Dr. Elisabeth Rössel-Majdan (*1946 in Wien)

  • 1965 Reifeprüfung Lycee Francais
  • 1965 Studium der Philosophie
  • 1971 Doktorat, Diplom Volksschollehramt, Pädagogische Arbeit im therapeutischen Bereich
  • 1977 Verleihung des Albert-Schweitzer-Preises der Goethe-Stiftung in Kopenhagen
  • 1982 Schulgründung Friedrich Eymann Waldorfschule
  • 1991 Diplom Riding teacher for disabled, Studium Malerei an der Akademie der Bildenden Künste
  • 1993 Gründung und Leitung des ORG Rudolf Steiner
  • 2000 Diplom Malerei

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