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Universitäten Text: Univ.-Prof. Dr. Oliver Vitouch

O sancta efficacia!*

Wissenschafts- und Finanzministerium haben die Effizienz entdeckt. Schade, dass sie dabei Ausgangswerte ebenso ignorieren wie die eigenen Hausaufgaben.

Links Rektor Oliver Vitouch, rechts der Eingang der Uni Klagenfurt.
© AAU/Gerhard Maurer (li) | Links Rektor Oliver Vitouch, rechts der Eingang der Uni Klagenfurt.

Sind die österreichischen Universitäten effizient? Ja und nein. Der vom Wissenschaftsministerium jüngst erstellte Prototyp eines „gesamtösterreichischen Universitätsentwicklungsplans“ legt offen, dass relativ zu deutschen und schweizerischen Benchmark-Zahlen von den 21 österreichischen Universitäten (inklusive Kunst-, Medizin- und Technischen Universitäten) nur drei über ausgewogene Personalkapazitäten oder gar Überkapazitäten verfügen: Die Montanuniversität Leoben, das Mozarteum Salzburg und die Musikuniversität Wien.

Die anderen 18 Universitäten sehen in diesem Tableau, in dem rot für „Unterkapazität“ steht, nur rot. Chronische Unterkapazitäten zeugen einerseits von hoher Effizienz (geringe „Kosten pro Student“); sie führen andererseits zu eher chaotischen, ergo ineffizienten, Studienbedingungen.

In dieser Lage verordnen Wissenschafts- und Finanzministerium nun allen 21 Universitäten eine „Effizienzsteigerungsrate“ zwecks Umsetzung von Neuvorhaben in Zeiten leerer Kassen. Sie machen dafür auch kreative Vorschläge zur Güte: Aussetzung von Pensionskassenzahlungen oder Schließung des gender pay gap, also der Schlechterbezahlung von Frauen, durch Senkung der Männergehälter.

Diese Vorschläge sind absurd. Was es dringend braucht, sind gesetzliche Änderungen, zuvorderst an finanzierbaren Personalkapazitäten seriös orientierte Zulassungszahlen: Deren resignativ-konzeptlose Verhinderung ist ein Armutszeugnis der SP-Universitätspolitik der letzten 30 Jahre. Zugleich ersticken die „autonomen“ Universitäten in einem Berichtswesen, das permanent mutiert und aufwändige Telefonbücher erzeugt, die bar jeder Finanzierungsrelevanz sind – die Uni-Budgets werden de facto fortgeschrieben. All das ergibt ein Kabuki-Theater der Sonderklasse: Nach außen ruft man publikumswirksam nach Effizienz; strukturell ändert sich wenig.

Um im europäischen und globalen Wettbewerb um Zukunftschancen zu bestehen, sollte Österreich anders handeln: Es sollte seine Universitäten in Richtung public ivy entwickeln (so die Bezeichnung für jene staatlichen US-Universitäten, die qualitativ mit den besten Privatuniversitäten, der efeuberankten ivy league, mitspielen können). Es sollte dafür sorgen, dass österreichische AbsolventInnen mit jenen aus Schweden, der Schweiz oder den Niederlanden Schritt halten können. Es sollte den Universitäten ermöglichen, mehr Ressourcen auf Zukunftsthemen zu konzentrieren. Das zu unterlassen – und stattdessen zuzusehen, wie Gelder anderswo versickern – ist eine Verletzung des Generationenvertrags, ein Betrug an Jahrgang um Jahrgang junger Menschen, eine dekadent-morbide Haltung auf Kosten der Zukunft.

Effizienz, ja bitte: Unter Rahmenbedingungen, die international konkurrenzfähig sind und Spitzenleistungen ermöglichen. Dafür sind Universitäten erfunden worden. Dafür leben, atmen, brennen wir.

* O sancta efficacia (Oh heilige Effizienz) ist eine Anspielung auf die letzten Worte des Reformators Jan Hus (1415), Rektor der Karls-Universität Prag (gegründet 1348): O sancta simplicitas (Oh heilige Einfalt).

 

Univ.-Prof. Dr. Oliver Vitouch (* 1971 in Wien) ist seit 2012 Rektor der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Er wurde im Mai 2015 von Senat und Universitätsrat für die Funktionsperiode 2016 bis 2020 wiedergewählt. Research Scientist am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, Center for Adaptive Behavior & Cognition, 2000-2002, Lehrtätigkeit an der FU Berlin und der Universität St. Gallen, außerordentlicher Professor an der Univ. Wien 2002-2003. Professor für Allgemeine Psychologie und Kognitionsforschung an der Univ. Klagenfurt seit 2003, Vorsitzender des Senats 2006-2012, Präsident der Österr. Gesellschaft für Psychologie 2008-2010. Derzeit Präsident der Alps-Adriatic Rectors’ Conference, einer 1979 in Graz begründeten Universitätenkonferenz mit rund 40 Mitgliedsuniversitäten aus Österreich, Süddeutschland, Ungarn, Oberitalien, Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Serbien und Albanien.

>> Mehr Stimmen und Statements zur aktuellen Lage der Universitäten

>> Österreichs Universitäten im Überblick

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