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Bildung Text: Walter Strobl, Vizepräsident Wr. Stadtschulrat a.D.

Das Modell der Wiener Mittelschule

Wien hat ein fertiges und beschlossenes Konzept zur Lösung der dramatischen Mittelstufenproblematik. Warum die Neue Mittelschule nicht funktionieren kann und warum der Schulversuch der Wiener als gelungen gilt, erläutert Walter Strobl, ehem. Vizepräsident des Wiener Stadtschulrats.

6 Schüler stehen vor einer Tafel beschrieben mit Zahlen
© 123df.com/Andrey Kiselev | Der Leitsatz der Wiener Mittelschule "Stärken stärken und Schwächen schwächen"

Bundesweit sind Bildungspolitiker noch immer unterschiedlicher Meinung darüber, wie Schüler zwischen 10 und 14 Jahren eine solide schulische Ausbildung erhalten sollen. In den Bundesländern wurden verschiedenste Schulversuche gestartet. So auch in Wien, wo 2009 der Schulversuch der „Wiener Mittelschule“ startete. Warum der Schulversuch als gelungen bezeichnen kann und worin die Unterschiede liegen zur „Neuen Mittelschule“ lesen Sie hier in einem Statement von Walter Strobl, ehemaliger Vizepräsident des Wiener Stadtschulrats.

Eine Gegenüberstellung der Fakten und Folgen des aktuellen unbefriedigenden Stands der österreichischen Neuen Mittelschule, vor allem in Ballungsgebieten, und dem Modell der Wiener Mittelschule.

Entstehung der Wiener Mitteschule

Ab 2009 entwickelten die einzelnen Bundesländer autonome Modelle für die Bildung der 10 bis 14-jährigen Schüler. In Wien wurde damals die Wiener Mitteschule als Schulversuch gestartet. Die Letztentscheidung der damaligen Bildungsministerin Claudia Schmidt führte jedoch zu einer österreichweiten Verordnung des Bildungsmodells der Neuen Mittelschule (NMS). Die Wiener Mitteschule blieb bis heute ein Schulversuch.

Der grobe Unterschied zwischen der seit dem Schuljahr 2015/16 flächendeckend umgesetzten Neuen Mittelschule und dem Wiener Schulversuch der Wiener Mittelschule liegt in der Unterrichtsform. Die Wiener Mittelschule enthält zusätzliche Elemente wie das Unterrichtsfach Lerncoaching, den Unterricht nach Kurssystem, Einsatz von Nativ Speaker-Teachers, Angebot von Wahlkursen und die Arbeit mit dem Europass.

Die Pädagogischen Schlüsselziele der Wiener Mittelschule

  1. Kein Notendruck beim Schulwechsel: Sanfter Übergang von der Volksschule in die Wiener Mittelschule. Alle Schüler/ Schülerinnen werden unabhängig von ihrer Begabung und Leistung aufgenommen; enge Kooperation von Volksschulen mit Wiener Mittelschulen.
  2. Unterricht nach dem Lehrplan der AHS-Unterstufe: AHS- und Hauptschullehrer/ -lehrerinnen unterrichten gemeinsam.
  3. Kurssystem in der Wiener Mittelschule: individuelles Eingehen auf jeden Schüler/ jede Schülerin, „Stärken stärken, Schwächen schwächen“ lautet das Prinzip.
  4. Begabungsförderung: optimale Förderung von Begabungen in verpflichtenden Leistungskursen.
  5. Keine Nachhilfe mehr: Durch die Wiederholung des Lernstoffs in Trainingskursen bleibt kein Kind "auf der Strecke", keine private Nachhilfe mehr.
  6. Die Wiener Mittelschule ist mehrsprachig: Angebote mit Englisch als Arbeitssprache; Französisch und Latein als Wahlkurse.
  7. Ganztagsangebote in der Wiener Mittelschule: sinnvolle Freizeitgestaltung; Lehrer/ Lehrerinnen unterstützen Kinder bei Hausübungen und Lernaufgaben; gleitende Ankommensphase ab spätestens 7:30 Uhr.
  8. „Mehr als 1 bis 5“: Zusätzlich zum Zeugnis gibt es einen Leistungsnachweis, der eine auf die Stärken des Schülers/ der Schülerin abgestimmte Empfehlung für den weiteren Bildungsweg enthält.

Faktencheck zur österreichischen Mittelschule

Zwischen 37 % und 81 % der 10-jährigen Schüler wechseln in eine AHS. Die Entscheidung schwankt je nach Region.

Ballungszentren haben eine deutlich höhere Problemsituation durch die Trennung von AHS und NMS.

Die AHS und die (N)HS teilen sich die Schülergruppe der 10 bis 14-Jährigen nach gesetzlich vorgegebenen Kriterien (Zeugnisnoten).

In Wien gibt es  93 AHS-Standorte und 119 Neue Mitteschulen (zuvor Hauptschulen).

Die AHS hat in der Unterstufe 38 Stunden pro Klasse zur Verfügung. In der NMS sind es wegen der notwendigen Unterstützungsmaßnahmen durchschnittlich 52 Stunden pro Klasse.

Innerhalb der OECD gibt es neben Österreich nur noch 2 Nationen, die auch mit 10 Jahren die Schüler aufteilen. Die Masse von mehr als 95 % der Staaten differenzieren ab dem 14, oder 15. oder 16. Lebensjahr.

Moderne Bildungspolitik, das zeigen faktisch alle Ergebnisse erfolgreicher OECD-Staaten, haben moderne Strukturen von gemeinsamen Schulformen ab 14, 15 oder 16 Jahren.

Gemeinsame Schulen mit später Trennung und innerer Differenzierung sind heute weltweit die erfolgreichsten Schulformen.

Die Folgen einer zähen Bildungsreform


Die AHS zieht der Hauptschule alle Leistungsgruppe-1-Schüler ab, aber auch 55 % der Leistungsgruppe 2. (Anm. d. Redak.: Schüler in NMS werden in den Hauptfächern in 3 Leistungsgruppen eingeteilt, wobei die Schüler in der 1. Leistungsgruppe mit dem gleichen Lehrplan wie in der AHS unterrichtet werden)

Durch die Dichte des Angebots beider Schularten, entscheiden sich Eltern gleich von Anbeginn an für die AHS (Langform).

Die AHS hat massive Probleme im Bereich der Förderung schwacher Schüler – das kann sie nicht und soll sie nur sehr eingeschränkt tun. Ihr Selektionskriterium für schwächere Schüler (auch wenn es nur ein schwaches Schulfach betrifft) ist das Repetieren oder das Abgeben an die NMS.

Die AHS verliert in Wien in den ersten 4 Schulstufen 1000 Schüler pro Jahr als Rückfluter an die NMS.

Derzeit wird die AHS-Unterstufe im Ballungsgebiet immer mehr zu einer undifferenzierten Gesamtschule.

Es fehlt eine verlässliche Volksschule vor allem beim Übertritt in weiterführende Schulen – dieser Zwang ergibt sich nur aus der verfrühten äußeren Differenzierung.

Fazit

Die Entscheidung des Bildungsministeriums hat nicht den gewünschten Effekt erbracht, als vielmehr die bestehende Situation verstärkt. Schwache Schüler in Ballungsgebieten wie Wien in Rest- und Ghettoschulen zu sammeln, ist politisch, menschlich und auch pädagogisch unverantwortlich. Kein Land auf dieser Welt kann es sich leisten, Schulen nur mehr als Institution für den Ausgleich von gesellschaftlichen Ungleichheiten zu verstehen und dafür eine qualitative Bildungsnivellierung in Kauf zu nehmen.

Die sozialromantischen Vorstellungen aus den 60er und 70er Jahren sind weltweit längst passée und wären heute unverantwortlich. Die ideologische Diskussion über die Beibehaltung der „äußeren“ Differenzierung oder umgekehrt, der sozialromantische „Gleichheitsmythos“ einer Gesamtschulidee der 60-er und 70-er Jahre, ist purer Anachronismus und hat nichts mehr mit gegenwärtiger, moderner Bildungspolitik zu tun. Beides dient vielmehr als Killerphrase, um populistisch gegeneinander zu mobilisieren.

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